Alle Artikel in: Wirtschaftswurm-Blog

Beruhigung an der Target-2-Front?

Im September sind die Target-2-Forderungen der Bundesbank so stark gesunken wie lange nicht mehr. Ist das eine Trendwende? „Die Euro-Skeptiker haben ja in den letzten Monaten einen Riesenbohei um jeden Anstieg gemacht … Ob die jetzt auch alle genau so breit über den Rückgang berichten?„, fragt Blogger Egghat. Nun, ich nehme mit diesem Artikel den Ball auf. Wer zuvor noch einmal wissen will, was es mit den Targetsalden auf sich hat, kann dies in meinen beiden Einführungsartikeln zum Thema Target 2 und im Artikel „Target 2 – Eine Debatte über die Schieflage des Eurosystems“ nachlesen. Nun aber zum Aktuellen. Absolut gesehen ist der September-Rückgang der Targetforderungen der Bundesbank mit 56 Milliarden € der größte monatliche überhaupt. Was sind die Ursachen? Eine erste Fährte liefert Hans-Werner Sinn in einem Welt-Interview: Im Rahmen der EZB-Politik kauft die Bundesbank Staatsanleihen der Problemländer. Das nennt sich Wertpapiermärkteprogramm  oder „Securities Markets Programm“ – SMP. Dadurch fließt wieder Liquidität in die Problemländer. Die Targetsalden können sinken. Es werden aber lediglich Targetkredite durch reguläre Auslandskredite ersetzt. Nun erhöhte sich der gesamte Bestand …

Das dritte Quartal

Was war los auf diesem Blog im abgelaufenen Quartal? Ein paar Zahlen. Im dritten Quartal 2012 verzeichnet Google Analytics für den Wirtschaftswurm 20.531 Besuche. Das sind 8,1% mehr als im Vorquartal. Die Zahl der Seitenaufrufe stieg sogar um 8,9% auf 31.326. Bei einer gleich bleibenden Zahl neuer Artikel (nämlich 18) konnte ich damit wie in jedem Quartal wiederum Steigerungen verzeichnen. Der Anteil der Besuche aus Deutschland war mit 86,7% etwas höher als im Vorquartal. Wie bereits zuvor wurde der Februar-Artikel „Sollen Frauen sich die Brüste vergrößern lassen (dürfen)?“ am meisten aufgerufen: 3980-mal. Auf den Plätzen zwei bis zwölf folgen: Zusammenbruch der Eurozone – ja und? (vormals auf Platz 3) Die zehn gefährlichsten Blogger Deutschlands (neu) Olaf Storbeck gegen Hans-Werner Sinn – nächste Runde (neu) Wie man die Eurozone verlässt – Grundlagen (neu) Deutschland ist nun verpflichtet, die Eurozone zu verlassen (neu) Wie man die Eurozone verlässt – Der Ablauf und die erforderlichen Maßnahmen (neu) Wirtschaftswachstum mal langfristig (vormals auf Platz 2) Vermögensabgabe als realistische Alternative (neu) Die unbeschränkte Haftung durch den ESM (vormals auf Platz …

Ist der Finanzsektor zu groß? Die Blogparade

„Ist der Finanzsektor zu groß?“, hatte ich vor gut einem Monat die Wirtschaftsblogger gefragt und damit eine Blogparade gestartet. Sieben Blogger haben Antworten gegeben, zum Teil sogar mehrere Artikel zum Thema geschrieben. Das sind mehr als ich erwartet habe. Auch die Qualität der Beiträge ist beachtlich. Im Folgenden nun ein mit meinen eigenen Wertungen gemischter Überblick über die Beiträge der Wirtschaftsblogger. Interessanterweise drücken gleich vier der sieben Blogger, nämlich Benjamin Schäfer, Dirk Elsner, Wirtschaftsphilosoph und Patrick Seabird, Vorbehalte gegen meine Fragestellung aus. Am schärfsten formuliert hier Benjamin: Die Frage sei unpräzise, unwissenschaftlich und dazu noch suggestiv. Nun, Suggestion habe ich nicht beabsichtigt, eine gewisse Unschärfe allerdings schon. Ich wollte den Bloggern Freiraum lassen, die Frage selbst zu präzisieren, selbst zu überlegen, welcher Aspekt des Finanzsektors wichtig ist. Patrick Seabird hat noch andere Bedenken: Beantwortet man „Ist der Finanzsektor zu groß?“ pauschal mit Ja, könnte man auf gefährliche Ideen kommen. Er verweist auf Kambodscha, die Roten Khmer. Die hatten in den 70er Jahren gemeint, die Städte sind zu groß, und die Städter mit äußerster Brutalität und …

Peter Bofinger und die Frage: Braucht Deutschland den Euro?

Nach Sarrazin also nun Peter Bofinger. „Zurück zur D-Mark? Deutschland braucht den Euro“ betitelt Bofinger sein Buch über die Eurokrise und macht es schon damit zum Anti-Sarrazin. „Die Welt“ hat nun einen Auszug aus dem Buch veröffentlicht, der nicht ohne meinen kritischen Kommentar auskommen kann. Hauptthema des Buchauszuges ist die wahrscheinliche Aufwertung einer neuen D-Mark. Dabei kann man bereits Zweifel daran haben, dass eine wiedereingeführte D-Mark extrem aufwerten wird, denn die Fluchtgelder aus Südeuropa sind ja schon hier. Welches Kapital soll nach einem Euroaustritt zusätzlich nach Deutschland strömen und für Aufwertungsdruck sorgen? Vor allem taugen Bofingers abschreckende Beispiele wenig. Er nennt Japan, China und die Schweiz; Länder, die angeblich durch einen Aufwertungsdruck leiden. Nun, zwei der drei Länder, nämlich China und auch die mit Deutschland besser vergleichbare Schweiz, hatten in den letzten 10 Jahren ein höheres Wirtschaftswachstum als Deutschland. So schlecht lebt es sich also mit einer im Wert steigenden Währung keineswegs. Und schauen wir uns einmal Japan genauer an. Der Langfristchart Euro (vormals ECU)/Yen zeigt zunächst einmal keine durchgehende Aufwertungstendenz des Yen (bzw. Abwertungstendenz …

Oskar Lafontaine und die Lohnnebenkosten

Oskar Lafontaines Rede letzte Woche auf der Tagung „Real World Economics“ beweist (einmal mehr), dass der Saarländer wieder in alter Frische da ist. Deswegen eine kritische Anmerkungen zu seinem Vortrag „10 Jahre Agenda 2010“, den man sich auch als Video im Netz ansehen kann. Lafontaine geht auf den Begriff Lohnnebenkosten ein und mit Hinweis auf den Ordoliberalen Alexander Rüstow sagt er: „Lohnnebenkosten gibt es überhaupt gar nicht.“ Nun, in der Buchhaltung der Unternehmen gibt es natürlich die Lohnnebenkosten, nämlich in Form der Arbeitgeberbeiträge zu den Sozialversicherungen mit Kranken- und Rentenversicherung als größte Brocken. Richtig ist aber, dass für die Unternehmen die Aufteilung der Lohnkosten in Bruttolohn und Lohnnebenkosten keine Rolle spielt. Entscheidend ist nur die Summe. Durch sie sind die Aufwendungen des Unternehmens für einen Arbeitnehmer benannt. Unter der Annahme vollkommen flexibler Arbeitsmärkte ist diese Summe darüber hinaus völlig unabhängig von den Lohnnebenkosten. Denn jede Senkung der Lohnnebenkosten führt zu einer entsprechenden Erhöhung des Bruttolohns und umgekehrt, so dass die Lohnkosten als Summe gleich bleiben. Warum? Nun, bei vollkommen flexiblen Arbeitsmärkten führen fallende Lohnnebenkosten sofort …

Karlsruher Urteil zum ESM: Der Höllenmaschine wurde die Bazooka genommen

Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum ESM fand man in einigen Netzmedien dumme Kommentare zum Thema. Tatsache ist: Dass eine Haftungsobergrenze nun eindeutig festgeschrieben wird, ist nicht belanglos. Zum Thema der gerichtlichen Immunität der ESM-Organmitglieder hätten die Karlsuher Richter aber mehr liefern müssen. Zum gestrigen Karlsruher ESM-Urteil gabe es kluge und dumme Kommentare. Zu den dümmeren zählte der von Peter Ehrlich in der FTD. Nach Ehrlichs Auffassung hat Karlsruhe nur klargestellt, was eh schon klar war. Tatsächlich hat das Bundesverfassungsgericht aber festgestellt, dass der ESM-Vertrag zweideutig ist. Einerseits legt er zwar ausdrücklich eine Haftungsobergrenze von 190 Milliarden € für Deutschland fest, andererseits schafft er aber auch die Möglichkeiten, diese Haftungsobergrenze zu umgehen. Und wer die lange Diskussion um den Aufbau einer Euro-Bazooka mit unbegrenzter Feuerkraft kennt, ahnt, dass die Zweideutigkeit durchaus Hintergedanken hatte. Gut also, dass nun zumindest eine Haftungsobergrenze von 190 Milliarden festgezurrt werden soll. „Schallende Ohrfeige für Wolfgang Schäuble“, so hätte man darum gestern durchaus schreiben können. Denn Schäubles Ministerium war auf deutscher Seite für den zweideutigen Vertragstext verantwortlich. Doch nur Leo Hänel …

Deutschland ist nun verpflichtet, die Eurozone zu verlassen

Gegen den Draghi-Beschluss, notfalls unbegrenzt Staatsanleihen aufzukaufen, kann man als Staatsbürger nicht klagen. Für Deutschland ergibt sich nun aber das eindeutige Recht und sogar die Pflicht, die Eurozone zu verlassen. Das Bundesverfassungsgericht bleibt bei seinem Terminplan. Morgen will es darüber entscheiden, ob der ESM in Kraft treten darf oder nicht. Den Zusatzantrag Peter Gauweilers, die Entscheidung zu verschieben, lehnten die Richter ab. Gauweiler hatte seinen Zusatzantrag mit den Beschlüssen der EZB vom letzten Donnerstag begründet, in Zukunft unbegrenzt Staatsanleihen der Staaten aufzukaufen, die Unterstützung durch die Euro-Rettungsschirme erhalten. Mit diesem Beschluss ändert sich die Bedeutung des ESM. Er wird nicht nur Kredite verteilen, er wird auch für klamme Staaten die Tore zu den Gelddruckmaschinen der Europäischen Zentralbank öffnen. Das Zusammenspiel von ESM und EZB führt so früher oder später zu einer Inflationspolitik. (Ich teile übrigens weitgehend die Einschätzung des Commerzbank-Chefvolkswirts Jörg Krämer zu den Folgen dieser Politik: „Die EZB wird Deutschland zum Absturz bringen.„) Das juristische Problem: Das Grundgesetz kennt kein Grundrecht auf stabile Währung. Das ist auch gut so, denn in Notsituationen (vergleichbar mit …

Eurotopia?

Eurotopia ist eine inzwischen 20 Jahre alte Idee des niederländischen Brauereibesitzers Alfred Heineken. Ist sie inzwischen realistischer geworden? Ralf Keuper hat im Blicklog eine Diskussion dazu angestoßen. Aber was bedeutet Eurotopia eigentlich? Heineken entwickelte die Eurotopia-Idee 1992. Demnach sollen die europäischen Nationalstaaten aufgelöst werden und eine dezentrale europäische Republik aus etwa 75 Regionen mit jeweils 5 bis 10 Millionen Einwohnern geschaffen werden. Doch wozu? Heineken sah die großen Nationalstaaten als Quelle von Unfrieden und Instabilität an. Konsequenterweise wollte er sie auflösen. Heinekens Sicht ist allerdings veraltet. In einem Telepolis-Artikel habe ich mal festgehalten, dass Kriege heute nicht mehr aus Konflikten zwischen Nationalstaaten entstehen.  Fast ausschließlich entstehen sie heute aus innerstaatlichen Konflikten. Und das gilt auch in Weltregionen, in denen es keine Europäische Union gibt. Eurotopia löst also ein Problem, das bereits gelöst ist. Wahrscheinlich ist eher, dass es neue Konflikte schafft. So kann man trefflich über Heinekens Abgrenzung der Regionen streiten (z. B. Südtirol, Baskenland, Nordirland). Nun verknüpft Ralf Keuper Heinekens Idee mit der Frage der europäischen Währungsunion. Und Detlef Gürtler spitzt das in den …

Blogparade: Ist der Finanzsektor zu groß?

Kaum hat der Wirtschaftsphilosoph eine Idee geboren, schon setze ich sie um. Denn vorgestern schrieb der Wirtschaftsphilosoph in seinem Blog: „… Konkreter könnte ich mir vorstellen, dass z. B. einmal im Monat oder unregelmäßig alle daran interessierten Blogger zu demselben Thema etwas schreiben, …“ Und eine solch gute Idee sollte man nicht lange anstauben lassen. Die Frage „Ist der Finanzsektor zu groß?“ kam schon bald nach Beginn der Finanzkrise auf und wird seitdem in Medien und Fachkreisen diskutiert. Ich fand diese Frage immer wichtig, habe mich aber nie wirklich daran getraut. Zu viele Aspekte schien die Fragestellung aufzuweisen, so dass ich gar nicht wusste, wo anzufangen. Was einer nicht schafft, schaffen aber vielleicht viele. Und darum möchte ich alle Wirtschafts- und Finanzblogger aufrufen, im Monat September über die Frage „Ist der Finanzsektor zu groß?“ nachzudenken und zu schreiben. Es sollte, so glaube ich, nicht so sehr um die ultimative Antwort auf die Frage gehen. (Aber wer die hat, ich bin gespannt.) Jeder mag sich vielmehr einen Aspekt der Fragestellung herausgreifen, der ihn interessiert, über den …

Verstehen Ökonomen wirklich nichts von Wirtschaft? – Der Streit aktuell

Die Frage, wie viel die Ökonomen von Wirtschaft verstehen, beschäftigt weiterhin die Wirtschaftsblogs. Ausgangspunkt der Diskussion war bekanntlich ein Wirtschaftswoche-Artikel von Dieter Schnaas. Joachim Goldberg nimmt nun meiner Meinung nach völlig zurecht die Gruppe der Verhaltensökonomen gegenüber Schnaas in Schutz. Das Verdienst der Verhaltensökonomik („behavioral economics“) liegt eben nicht darin, wie Schnaas höhnt, festgestellt zu haben, dass die Menschen sich oft irrational verhalten. Das wusste man in der Tat vorher. Das Verdienst dieses Forschungszweiges liegt darin, die regelmäßigen Folgen solch irrationalen Verhaltens für das Marktgeschehen aufzuzeigen. Ich selbst habe mich ja bereits vor zwei Wochen mit Dieter Schnaas beschäftigt („Verstehen Ökonomen wirklich nichts von Wirtschaft?„). Doch meine harte Kritik an Schnaas stieß ihrerseits auf Kritik von Dirk Elsner. Dirk findet es zu spitzfindig, wenn ich die Widersprüche in Schnaas Artikel herausarbeite. Außerdem findet er, dass man mit einem „akademischen Degen“ nicht Artikel sezieren sollte, die sich ans allgemeine Publikum wenden. Das werde solchen Artikeln nicht gerecht. „Sollen die Nichtfachleute deswegen aufhören zu schreiben oder ihre Meinung zu äußeren (sic!)?“, fragt er polemisch. Bereits Wirtschaftsphilosoph hat …

Gedanken zur Reichtumsdebatte

Nein, ich habe nicht vor, erneut die Maischberger-Talkshow zum Thema „Der Millionär hat’s schwer“ zu besprechen, dazu gibt es bereits Berichte auf den Seiten der FAZ oder der Süddeutschen. Ich benutze lediglich ein paar Aussagen, die während der Sendung gefallen sind, als Aufhänger für meine eigenen Überlegungen. Denn zwischen all dem Talkshow-Hin-und-Her schimmerten doch (zugegeben ziemlich schwach) ein paar Grundkonflikte unserer Gesellschaft durch. Da war zum einen die Aussage der Unternehmerin Claudia Obert: „Der Staat kann nicht mit Geld umgehen.“ Direkt demgegenüber stand die Meinung des Geschäftsführers des Paritätischen Wohlfahtsverbandes Ulrich Schneider. Der Staat müsse mehr für abgehängte Kinder tun und genauso für die Pflege. Hier, so folgt aus Schneiders Rede, würde der Staat sinnvoll Geld einsetzen. Meine Meinung als Volkswirt: Ja, der Staat geht häufig ineffizient mit Geld um. Aber leider muss man das in Kauf nehmen, denn viele öffentliche Güter kann nur der Staat bereitstellen, ansonsten werden sie gar nicht bereitgestellt. Und auch dort, wo eine Privatisierung von Staatsleistungen möglich ist, steigert sie nicht immer die Effizienz. Nicht gesteigert wird sie in der …