Alle Artikel in: Wirtschaftswurm-Blog

Verstehen Ökonomen wirklich nichts von Wirtschaft?

Die Kritik des Wirtschaftswoche-Journalisten Dieter Schnaas an den Ökonomen ist entweder nicht neu oder falsch. Seit Beginn der Wirtschaftskrisen 2008 liest man ja regelmäßig Generalabrechnungen mit den Ökonomen. Und dieses Genre ist nach wie vor populär, das sieht man an den Twitterreaktionen auf den jüngsten Artikel dieser Sorte, „Ökonomen verstehen nichts von Wirtschaft“ von Dieter Schnaas. So ganz kann ich die Beliebtheit allerdings nicht verstehen, insbesondere bei Schnaas. Denn Schnaas Kritik an den Ökonomen ist entweder nicht neu oder falsch. Schnaas Aufhänger ist der Ökonomenaufruf von Krämer und Sinn, den er als „schrill und radikal“ bezeichnet. Die Schrillheit war allerdings nur zweckmäßig im Politikmedienbetrieb und was die Radikalität anbelangt: Gilt bereits „Keine Sozialisierung von Marktrisiken zulasten von Sparern!“ als radikal? – Legen wir einen solchen Maßstab an, können wir uns in Zukunft die Diskussion über verschiedene wirtschaftspolitische Alternativen sparen! Aber geschenkt, Schnaas widerspricht sich sowieso laufend selbst. Zwei Absätze weiter kritisiert er, die Ökonomen würden nur „das tagespolitisch Ersichtliche … professoral beglaubigen.“ Das hört sich jetzt gar nicht schrill und radikal an. Dann wieder bemerkt er …

Die zehn gefährlichsten Blogger Deutschlands

Wieder einmal, überraschenderweise ist Spiegel Online an der Fusion von marktschreierischem Boulevard und Qualitätsjournalismus gescheitert. Da will ich SPON in nichts nachstehen. Der Grund für das Scheitern von SPON: Auch das Artikelchen „Die Zehn gefährlichsten Politikern Europas – Scharfmacher in der Eurokrise“ (samt Klickstrecke) kommt ohne jegliche Recherchearbeit aus. Es liefert dem Leser lediglich Politikpromiklatsch verbunden mit dem wohligen Schauer der Gefahr. Immerhin, Henryk Broder erkennt trotzdem eine größere Agenda hinter den Zeilen. Angesichts des bevorstehenden Scheiterns des Europrojekts (das Herr Broder als gesichert annimmt) sollen schon einmal die Sündenböcke vorgestellt werden. Da komme jeder recht, der Alternativen zur herrschenden Europolitik vertritt. Nun, die herrschende Europolitik besteht im Durchwursteln, bis schließlich die Schuldenvergemeinschaftung da ist. Und Alternativen dazu findet man auch in Blogs. Und dies, obwohl Blogs ohnehin gefährlich genug sind. Das ermöglicht es mir, SPON in nichts nachzustehen. Hier also die Top 10 der allergefährlichsten Blogger Deutschlands – natürlich in völlig willkürlicher Reihenfolge: Wirtschaftswurm (das bin ich selbst): Arne Kuster, der Wirtschaftswurm, schmückt sein Blog mit einem lustigen Comicbild, vertritt aber knallharte ordnungspolitische und …

Wie man die Eurozone verlässt – Grundlagen

Focus Money macht mit dem Titel auf „In 18 Monaten ist der Euro kaputt“. Selbst auf öffentlich-rechtlichen Seiten, bisher lediglich Quelle von Euro-Durchhalteparolen, liest man: „Deutschland muss über Euro-Austritt nachdenken„. Da wird es Zeit, sich einmal mit dem Plan von Roger Bootle und seinen Mitarbeitern zu beschäftigen. Der Bootle-Plan, wie ich ihn mal nenne, gewann im Juli den mit 250.000 Pfund dotierten Wolfson Economics Prize. Nach Ansicht der Jury war er die beste Eingabe zur diesjährigen Fragestellung. Und die lautete: If member states leave the Economic and Monetary Union, what is the best way for the economic process to be managed to provide the soundest foundation for the future growth and prosperity of the current membership? In den deutschen Medien wurde der Plan bisher wenig beachtet. Das lag wohl am Unwillen vieler, sich mit den Konsequenzen eines Austritts aus der Eurozone oder eines Zusammenbruchs der Eurozone auseinanderzusetzen. (Nicht allerdings hier im Blog.) Es lag aber auch daran, dass sich der Bootle-Plan betont unspektakulär gibt. Auch Roger Bootle hat keinen neuen Trick, keinen Kniff gefunden, mit …

Gleichwertige Lebensverhältnisse in ganz Europa?

Es gibt ehrgeizige Ziele und es gibt überehrgeizige Ziele. Wenn Jürgen Trittin davon redet, „gleichwertige Lebensverhältnisse für die Menschen in Europa schaffen„,  dann hat er sich damit nicht nur ein utopisches, sondern auch ein sinnloses Ziel gesetzt. Utopisch ist das Ziel zum einen politisch. Wie will Trittin in Deutschland Wähler dafür gewinnen, Griechen und Spaniern einen höheren Lebensstandard zu verschaffen? Zumal, wenn damit wahrscheinlich ein sinkender Lebensstandard in Deutschland verbunden ist? Utopisch ist das Ziel noch mehr ökonomisch. In Kaufkraftparitäten gemessen produzieren die Niederländer doppelt so viel pro Kopf wie die Esten (um einmal den neben Luxemburg reichsten und den ärmsten Staat der Eurozone miteinander zu vergleichen). Verwirklicht man die gleichwertigen Lebensverhältnisse durch einfache Transfers, müssten die Holländer 1/4 ihrer Wirtschaftsleistung abgeben. Damit müsste sich die Steuerquote der Niederlande verdoppeln.  Der niederländische Staat bräuchte knapp 13.000€ mehr von jedem einzelnen seiner Einwohner für die Europatransfers. Solche Belastungen müssten unweigerlich zum Zusammenbruch der holländischen Wirtschaft führen. Natürlich hofft Trittin es billiger machen zu können, indem der größere Teil der Transfers für Investitionen ausgegeben wird, die dann …

Unendliche Risiken? Zur Anhörung vor dem Bundesverfassungsgericht

Bei der Anhörung vor dem Bundesverfassungsgericht zum Thema ESM ist der Eindruck entstanden, sowohl ein sofortiges Inkrafttreten als auch eine Verzögerung des Rettungsschirms würden unendliche Risiken bergen; so zumindest der Blogger Max Steinbeis. Etwas genauer kann und sollte das Gericht die jeweiligen Risiken allerdings schon abschätzen. In seinem lesenswerten Bericht über die Anhörung vor dem Bundesverfassungsgericht zum Thema ESM fasst der Blogger Max Steinbeis seinen Eindruck so zusammen: Hier dagegen lassen wir uns auf ins Unendliche gehene (sic) Risiken ein, sowohl wenn wir den ESM installieren als auch wenn wir es lassen. Nun, ich selbst war nicht in Karlsruhe und möglicherweise ist tatsächlich dieser Eindruck während der Anhörung entstanden. Dann allerdings war die Anhörung ziemlich nutzlos! Mit dem Unendlichen kann man ja nicht kalkulieren. Versuchen wir es im Folgenden eine Nummer kleiner. Konkret geht es für die Verfassungsrichter um die Frage, ob ein Inkrafttreten des ESM jetzt verantwortbar ist, auch wenn später möglicherweise die Verfassungswidrigkeit des Rettungsschirms festgestellt werden muss. Und umgekehrt muss das Richterkollegium entscheiden, ob eine Verzögerung des ESM verantwortbar ist, auch wenn …

Vermögensabgabe als realistische Alternative

Das DIW hat mit seinem Vorschlag zur Vermögensabgabe ein starkes Echo in den Medien erreicht. Das hat es auch verdient. Tatsächlich gibt es nur wenige realistische Vorstellungen dazu, wie man die ausufernden Staatsschulden in der Eurozone in den Griff bekommen kann. Allein mit Ausgabekürzungen ist dies nicht zu erreichen, denn häufig (wenn auch nicht immer) legt man damit die Volkswirtschaft lahm und dann bricht die Einnahmeseite des Staatshaushalts ein. Es bleiben rein logisch als Alternativen: Schuldenschnitt, Inflationierung und eben neue Steuern und Abgaben. (Die FDP-Vorstellung, man könnte aus den Schulden herauswachsen, entspringt reinen Wunschträumen.) Da erscheinen Steuern und Abgaben plötzlich als das kleinste Übel. Und das größte (und vielleicht einzig verbliebene untergenutzte) Potenzial für Steuern und Abgaben liegt bei einer Belastung von Vermögenswerten. Wie Stefan Bach vom DIW herausarbeitet, hat eine Vermögensabgabe kaum negative Effekte auf die Konjunktur, belastet sie tendenziell Ältere stärker und damit die Generation, die auch in der Vergangenheit von der Staatsschuldenpolitik profitiert hat, erzeugt sie weniger Steuerwiderstand und Ausweichreaktionen als andere Steuern, vorausgesetzt ein Stichtag in der Vergangenheit wird der Vermögensveranlagung …

Licht und Schatten im aktuellen Ökonomenstreit

Es gibt Licht und Schatten im aktuellen Ökonomenstreit. Die Schattenseiten finden sich in der einseitigen und teilweise polemischen Berichterstattung von Handelsblatt und FTD und der ihnen angeschlossenen Wirtschaftsblogs. Licht dagegen sehe ich, wenn Linke und eher Liberal-Konservative eine gemeinsame Formel im Kampf gegen Bankenmacht finden. Und mit den Schattenseiten anzufangen: Meine Kritik an Olaf Storbecks Schnellschuss im Handelsblog hat nichts genützt. Sein Vorwurf, der von den Professoren Sinn und Krämer initiierte Aufruf sei demagogisch, stand im Raum und wurde von anderen unreflektiert aufgenommen und durch Nationalismusvorwürfe ergänzt. Damit wusste dann auch der Netzmob, der ansonsten keine Ahnung hatte, worum es ging, über wen er herfallen sollte. Aufhänger für die Vorwürfe war zum einen der Ausdruck „Haftung für die Schulden der Banken“ im Aufruf von Sinn u.a., der in der Tat mehrdeutig ist. Nun bewirkt aber jede Rekapitalisierung der Banken, dass die Gläubiger der Banken von Risiken freigestellt werden. Und eine fortgesetzte Rekapitalisierung bewirkt, dass sie schließlich von allen Risiken freigestellt werden. Daher kann man durchaus von einer Haftung des Steuerzahlers für die Bankschulden sprechen, selbst …

Olaf Storbeck gegen Hans-Werner Sinn – nächste Runde

Ein von Hans-Werner Sinn und dem Dortmunder Statistiker Walter Krämer initiierter Ökonomenaufruf wurde bereits vor der offiziellen Veröffentlichung vom Handelsblattkorrespondenten Olaf Storbeck zerfleddert. Damit verteidigt Storbeck seinen Titel als härtester Sinn-Kritiker, den er in der Targetdebatte erlangt hat. Olaf Storbeck hatte den Aufruf der Ökonomen schon gestern entdeckt, vor SPON. Gustav Horn von der Hans-Böckler-Stiftung hatte ihn auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht. Zur Zeit kursiert er wohl noch unter den Wirtschaftsprofessoren, um 150 Unterschriften zusammenzukriegen. Storbecks kritischer Kommentar im Handelsblog kam somit schon vor der geplanten Veröffentlichung des Aufrufs in der FAZ. So wie Storbeck Sinn kritisiert, wird er dann allerdings auch selbst von seinen Lesern in Kommentaren niedergemacht. Nicht ganz zu unrecht, muss ich gestehen. Das fängt schon damit an, dass Storbeck unter der geplanten europäischen Bankenunion nur Einlagensicherungsfonds und gemeinsame Bankenaufsicht versteht. Den Einlagensicherungsfonds kann man aber nicht isoliert betrachten, man muss ihn zusammen sehen mit der geplanten Rekapitalisierung von Banken durch den ESM, für den die Steuerzahler geradestehen. Faktisch ist es so, dass der Einlagensicherungsfonds nur für kleine, unbedeutende Banken in Aktion tritt. …

Blick zurück

Zu Beginn des neuen Quartals ein paar Zahlen über das Blog Wirtschaftswurm im abgelaufenen zweiten Quartal 2012. Google Analytics zählte genau 19.000 Besuche auf dem Blog und 28.768 Seitenaufrufe in den letzten drei Monaten. Damit konnte ich (wie bisher in jedem Quartal) eine weitere Steigerung verzeichnen. Die Besuche stiegen gegenüber dem vorhergehenden Quartal um 14,4%, die Seitenaufrufe um 15,3%. Und dies, obwohl ich nur 18 Artikel statt 22 wie im Vorquartal geschafft habe. 83,6% der Besuche kamen aus Deutschland. Auf den Plätzen zwei und drei folgen die deutschsprachigen Länder Österreich und Schweiz. Spitzenreiter bei den Seitenaufrufen war – wie schon im letzten Quartal – der Beitrag „Sollen Frauen sich die Brüste vergrößern lassen (dürfen)?„. Er wurde 4518-mal angeklickt. Auf Platz 2 mit 1727 Aufrufen folgte der anderthalb Jahre alte Beitrag „Wirtschaftswachstum mal langfristig„. Seine Aktualisierung „Wirtschaftswachstum mal langfristig (2000-2010)“ schaffte es hingegen nicht in die Top 12. Auf den Plätzen drei bis zwölf folgen allesamt Artikel zur Eurokrise: Zusammenbruch der Eurozone – ja und? Die unbeschränkte Haftung durch den ESM Target-2-Wortverdreherei – Ein notwendiger Versuch …

Die unbeschränkte Haftung durch den ESM

Die deutsche Haftung für den neuen Euro-Rettungsschirm ESM sei beschränkt, heißt es häufig. Eine Lüge! Genannt werden als Haftungsgrenze meist die 21,7 Milliarden €, die Deutschland direkt in den ESM einzahlen soll plus die 168,3 Milliarden €, die es an Garantien übernimmt. Macht 190 Milliarden €. Immerhin, das sind bereits Deutschlands gesamte Steuereinnahmen von vier Monaten. Nicht zu vergessen sind allerdings die Lasten aus dem alten Rettungsschirm EFSF und der ersten Griechenlandhilfe. Der Haftungsanteil Deutschlands für bereits gezahlte oder zugesagte Darlehen des EFSF an Irland, Portugal und Griechenland beträgt 87,3 Milliarden €. Ob auch das Programm für Spanien zusätzlich draufgesattelt werden soll, scheint auch in der Woche, in der der Bundestag über die Milliarden entscheiden soll, unklar. Selbst wenn das nicht der Fall sein sollte, sind wir bereits bei einer Summe von 277,3 Milliarden € oder den gesamten Steuereinnahmen von sechs Monaten. Nun besagt Artikel 25 Absatz 2 des ESM-Vertrages: „Zahlt ein ESM-Mitglied nicht, so müssen die anderen ESM-Mitglieder diese Zahlungen anteilig übernehmen.“ Wenn Griechenland seinen Bankrott erklärt, muss also Deutschland seinen Anteil erhöhen, dasselbe, …