Zwischenruf

Sascha Lobo, dieser Spätmerker

Sascha Lobo 2009

„Sie haben mir Europa kaputt gemacht“ behauptet Sascha Lobo in seiner Kolumne und meint damit die Finanzminister und Staatschefs, die Montag in der Früh drakonische Maßnahmen für Griechenland beschlossen haben.

Nein, Sascha Lobo, stimmt nicht! Dein Europa ist bereits seit dem 2. Mai 2010 kaputt!

Doch Sascha Lobo gerät erst jetzt in Selbstzweifel: „Vielleicht bin ich ein Idiot“, schreibt er zerknirscht.

Nun, da könnte etwas dran sein, denn die auf dem Gipfel beschlossenen Auflagen für Griechenland sind nicht per se unvernünftig. Ohne Grexit werden sie dem Land aber nicht helfen, sondern es bloß weiter in den wirtschaftlichen Abgrund reißen.

Im Vergleich zu Ulrike Guerot ist Sascha Lobo aber erstaunlich lernfähig. Guerot bastelt auch jetzt noch an ihrem Luftschloss einer „Europäischen Republik“.

Nur ein Spätmerker ist Sascha Lobo schon. Er hat jahrelang in das freundliche Gesicht Europas geblickt und erst jetzt merkt er, dass dieses Gesicht lediglich eine Maske ist. Eine Maske, hinter der sich die Fratzen von Wolfgang Schäuble und Victor Orban verbergen. Ja, Europa, also die EU, war nie etwas anderes als die Versammlung der Staats- und Regierungschefs plus eine Heerschar von Beamten drumherum.

Ein Spätmerker ist Sascha Lobo aber vor allem, weil die Idee von Europa nicht erst in diesen Tagen implodiert ist. Der Sündenfall (diese biblische Metapher braucht man nicht zu scheuen) lässt sich genau datieren. Es war der 2. Mai 2010. Damals bereits brach das Europa des Rechts zusammen.

Als nämlich damals die griechische Staatspleite drohte und die Banken Gefahr liefen, enorme Verluste zu erleiden, da beschlossen die Staats- und Regierungschefs das europäische Recht mal beiseite zu lassen. Entgegen des unmissverständlichen Wortlauts der Nichtbeistandsklausel zimmerten sie ein 110 Milliarden schweres sogenanntes Rettungspaket zusammen. Der Europäischen Gerichtshof machte sich später zum Komplizen dieses Rechtsbruchs.

So wurden aus freundlichen Nachbarn Gläubiger und Schuldner. Und auch wenn es schon vor 2010 häufig Gezänk ums Geld gab, seitdem erst konnte es seine volle destruktive Kraft entfalten.

„Der Begriff Europa ist von einer gemeinsamen Idee zu einem gemeinsamen Geldproblem geworden,“ erkennt Sascha Lobo völlig richtig. Aber wo war Lobo, wo war sein Wort am 2. Mai 2010, als genau diese Transformation stattfand?

Nun sollen es mal wieder die Deutschen richten. Wer nicht bereitwillig sein letztes Hemd für Griechenland (und danach natürlich auch für ein Podemos-regiertes Spanien, für Portugal und und) gibt, ist einfach hartherzig.

Geh nicht ohne Gruß, empfiehl bitte den Beitrag weiter!

Foto (von Matthias Bauer 2009): Sascha Lobo

13 Kommentare

  1. Häschen sagt

    Ich bin selbst auch nicht eilig von Begriff, besonders die Ökonomie war ein sehr verwirrendes Erlebnis als ich den Pfad wanderte um vom Nektar der ewigen Weisheit zu schlürfen.

    ‚Beim Geld hört sich die Freundschaft auf …‘ das ist die einzige markoökonomische Wahrheit die auch auf der Mirkoebene gilt. Etwas optimistischer formuliert zumeist im Vorfeld der Ereignisse gemeint, ‚Gute Freunde – Strenge Rechnung‘. Dazwischen ist das Gefühl ‚Europa‘. Über Sieben Bücken oder so ähnlich gehen wir gemeinsam …

    Man erinnere an die Jubelevents bezüglich der Einführung des EURO… Bei uns kaum einer verstanden warum jemand so einen Wirbel macht wegen ein paar andersgefärbte Zetteln.

    Es sind schon damals im Vorfeld diese seltsamen Typen überall in den Medien aufgetaucht bei der Jahrtausendwende. Es gibt bestimmt keinen Grund sich Sorgen zu machen, aber ganz ignorieren sollte man das Datum nicht. Zumal der Menschen den Kalender und das Dezimalsystem hat erfunden …

    European Democracy *Lab* … Wenn die Frau Guerot ein Alternativenkatalog könnte präsentieren mit verschiedenartigen Lösungen (und nicht nur artige) und dann zum Schluss käme es gäbe gute Gründe für eine Harmonisierung außerhalb einer Idealvorstellung die an Artus Saga erinnert kann man überhaupt mal diskutieren. Die Edelleute ansässig in Wales nachdem ihnen die Angelsachen den Hintern haben ausgehaut aber nicht mehr konnten nachsetzen, haben auch von Artus geträumt dem edlen Ritter… Ein wenig erinnern mich Lobo und Guerot an selbige.

  2. grafiksammler sagt

    Häschen, wenn man Deine tiefsinnige Betrachtung zur Jahrtausendwende liest, dann erlaube mir den Hinweis, so langsam wird klar, die Feier genau 1 Jahr vor der echten Jahrtausendwende passt wie die Faust aufs Auge. Alles Show ohne jeden Realitätsbezug.

  3. Wäre es nicht schöner, über den Gedanken einer Europäischen Republik gemeinsam zu diskutieren, anstatt ihn alleine zu zerreißen? Hier haben die Initiatoren des Aufrufs ein Forum dafür eingerichtet:

    https://publixphere.net/i/publixphere-de/proposal/1959-Europa_Eine_neue_Version_ist_verfügbar

    Zur europäischen Integration: Es ist interessant, dass Sie die europäische Integration nur als Notwendigkeit im Rahmen des Euro sehen und folglich auch auf den Mai 2010 verweisen. Damit verharren Sie gedanklich jedoch in einer Zeit, in der Probleme aller Art nationalstaatlich gelöst werden konnten. Doch heute können weder die Steuergesetzgebung für Unternehmen noch der Datenschutz noch die Klimaproblematik noch die Flüchtlingsfrage alleine von nationalen Regierungen geregelt oder gelöst werden. Die europäische Integration ist kein Selbstzweck und nicht alleine wegen des Euros notwendig, sondern sie ist unsere europäische Antwort auf die globalisierte Welt, auf wachsende Machtzentren in Asien und die Entwicklung der Weltbevölkerung.

    Beste Grüße,
    Mister Ede

  4. Tim sagt

    @ mister-ede

    Niemand bestreit, daß globale Probleme globale Lösungen erfordern. Eine europäische Republik ist dafür aber sich nicht notwendig, ganz im Gegenteil. Sie käme viele Jahrzehnte zu früh und würde die europäische Idee weiter torpedieren.

    Nein, die Stärke Europas ist seine Vielfalt, und darum brauchen wir eine Rückbesinnung auf Subsidiarität als europäischen Kernwert.

  5. @mister-ede,
    die Klimaproblematik kann man auch nicht europäisch lösen, sondern nur weltweit. Aber auch bei den anderen von Ihnen angesprochenen Fragen hat Europa bisher versagt.

  6. Tim sagt

    @ Arne Kuster

    Auch 2002 (oder 1989, wenn man die berühmt-berüchtigte Vereinbarung zwischen Mitterrand und Kohl als Basispunkt nehmen möchte) hat übrigens niemand angeprangert, daß gerade Europa kaputtgemacht wurde.

    Ach, halt, es gab doch einige: etwa Thatcher, Dahrendorf oder Friedman. Aber das waren natürlich böse neoliberale Hetzer. 🙂

  7. *ächz* Erst Paul Krugman, jetzt Sascha Lobo. Wer wird hier als nächstes als Euro-/Europa-/Wirtschafts-/Politik-„Experte“ seinen Auftritt haben – Dieter Bohlen?

  8. @Tim,
    Und beim Klimagipfel verhandeln dann Luxemburg und China über ein Klimaabkommen? Die Stärke der EU entsteht nicht alleine durch 28 Einzelstaaten, sondern erst durch die Bereitschaft gemeinsam zu handeln.

  9. @Kuster,

    „die Klimaproblematik kann man auch nicht europäisch lösen, sondern nur weltweit.“

    Stimmt, aber dann macht doch noch viel weniger Sinn, den Euro und die europäische Integration aufzugeben.

    „Aber auch bei den anderen von Ihnen angesprochenen Fragen hat Europa bisher versagt.“

    Aber welche EU ist das denn, die da versagt? Es ist doch genau die EU, die Sie fordern, die EU der souveränen Einzelstaaten, sozusagen die EU der nationalen Steuerschlupflöcher. Deswegen werbe ich ja für eine Weiterentwicklung und eine stärkere Integration, um genau diese Probleme zu beseitigen.

  10. Ich plädiere ein weiteres Mal dafür, die Begriffe „Europäische Union“ und „Europa“ nicht synonym zu verwenden, das ist schon historisch falsch, von anderem einmal abgesehen (und eine der grundlegenden Verwirrungen aller öffentlichen Debatten über die Politik der EU, der Eurozone, usf.).

  11. Peer sagt

    Doch Sascha Lobo gerät erst jetzt in Selbstzweifel: „Vielleicht bin ich ein Idiot“, schreibt er zerknirscht.

    Der Harrschnitt lässt das ja schon vermuten.

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