Wirtschaftswurm-Blog

Occupy World Street: Esoterik statt Ökonomik?

Occupy World Street

Ist ja schon etwas länger her, als bei irgendeiner Fernsehtalkshow so eine süße Occupy-Aktivistin auftrat, direkt aus dem Zeltlager herausgeholt, und mir Zuschauer mitteilte, wir müssten mal miteinander reden. Über was genau, das wurde mir nicht klar. Als ich dann die Werbung für Ross Jacksons Buch „Occupy World Street“ sah, dachte ich mir, vielleicht kann es mir dieser ältere, gesetzte Herr besser erklären.

Inzwischen habe ich das Buch durch. Und Ross Jackson kann in der Tat ganz gut erklären. Das Problem ist nur, das, was er erklärt, ist entweder alt und zigfach durchgekaut oder aber gleich vollkommen abgehoben-esoterisch und utopisch. Immerhin, ein paar Bruchstücke, die zu weiterem Nachdenken anregen, finden sich auch in Jacksons „Occupy World Street“.

Der in Dänemark lebende Amerikaner beginnt sein Buch mit einer negativen ökologischen Bestandsaufnahme unseres Planeten. Von Klimawandel über Artensterben bis hin zum globalen Ölfördermaximum Peak-Oil fehlt nichts, ist aber auch alles bereits vor Jackson bekannt gewesen. Neuere Entwicklungen wie die Förderung von Schiefergas oder Tiefseeöl werden bloß erwähnt. Inwieweit sie das globale Ölfördermaximum hinausschieben, diskutiert Jackson nicht.

Es folgt ein lustloser Kurzdurchlauf durch die ökonomische Dogmengeschichte, die beim sogenannten Neoliberalismus endet und damit bei solchen Plattitüden wie:

Neoliberalismus kann als eine extremistische Version der neoklassischen Ökonomie betrachtet werden, bei der Geld das einzige ist, was zählt.

Auf jeden Fall sind die Ökonomen als Hauptverursacher des ökologischen Desasters ausgemacht, außerdem die USA und die „Konzernokratie“.

Zwischendurch gab es auch ein interessantes Kapitel, eines über den Zusammenbruch von Zivilisationen. Jackson erklärt die Theorie, dass Gesellschaften auf Probleme reagieren, indem sie „die Komplexität erhöhen“, also neue (zusätzliche) Institutionen und Regeln schaffen. So etwas kann man ja gerade in der EU beobachten. Auf die Eurokrise reagiert sie mit Rettungsschirmen, Bankenunionen und Fiskalpakten.

Komplexität folgt aber dem Gesetz des abnehmenden Grenzertrages. Jeder neue Anbau wird teurer als der vorhergehende, während sein Nutzen geringer ist. Irgendwann bricht das System unter seiner Komplexität zusammen und es muss auf einem neuen Paradigma aufbauend völlig neu errichtet werden.

Das heute vorherrschende mechanistische Paradigma stößt sicherlich immer häufiger an seine Grenzen. Immer häufiger erkennen wir nicht voraussagbare Wendungen des Geschehen – auch und vor allem im Bereich der Wirtschaft. Die Finanzkrise 2008 ist nur das jüngste und deutlichste Beispiel. Nichtlineare Wirkungszusammenhänge und vielfältige Rückkoppelungen machen sinnvolle Voraussagen unmöglich.

Nur was Jackson als neues, zukunftsweisendes Paradigma der menschlichen Zivilisationen vorstellt, die Gaia-Theorie, ist tatsächlich ein Rückschritt. Die Antwort kann doch nicht sein, auf Analysen zukünftig zu verzichten und alles „ganzheitlich“ zu betrachten. „Ganzheitlich“, das ist nur ein Stichwort für esoterische Scharlatane.

So ganz vertraut Jackson der großen Einsicht durch das Gaia-Paradigma auch nicht. Marktwirtschaft ist dann doch wieder nützlich:

Zweitens wird die Begrenztheit der verfügbaren Ressourcen … die Preise dieser Ressourcen in die Höhe treiben und dadurch technische Neuerungen anregen.

Dann kommt Jackson auf einen echten Knackpunkt in der neoklassischen Standardökonomie zu sprechen, der Annahme der weitgehenden (aber nicht vollständigen!) Ersetzbarkeit jedes Produktionsfaktors. So können wir z.B. Benzin für den Autoantrieb durch Äthanol ersetzen oder durch Ökostrom, der einen Elektromotor antreibt. Je teurer nun Benzin wird, desto mehr Ökoautos wird es geben. Im Idealfall können so marktwirtschaftliche Mechanismen, Preise allein, den notwendigen Wandel herbeiführen. Voraussetzung ist, dass die Preise unverzerrt die wahren Kosten widerspiegeln.

Doch da, wo kein Ersatz (Substitution) mehr möglich ist, versagt auch der Markt. Soweit hat Jackson recht. Wo und wann das der Fall ist, ist allerdings eine technologische, keine ökonomische Frage.

Wie auch immer, Jackson will „eine Kombination von Obergrenzen, Quoten, Verboten, Steuergesetzen und Subventionen“ durchsetzen, um den ökologischen Kollaps zu verhindern. Das ist nun allerdings genau die „Erhöhung von Komplexität“, die er ein paar Kapitel zuvor verurteilt hat.

Den Schluss von „Occupy World Street“ nehmen Gedanken zu einer weitgehend utopischen (und im Übrigen undemokratischen) „Gaia-Weltordnung“ ein. Am interessantesten dabei und nicht ganz abwegig: Jacksons Gedanken zu einer internationalen Verrechnungsunion, durch die internationale Reservewährungen nicht mehr benötigt werden. Die internationale Bedeutung des Dollars würde so drastisch sinken. Aber das ist eigentlich ein ganz anderes Thema.

1 Kommentare

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