Wirtschaftswurm-Blog

Deutschland, das Wirtschaftswunderland?

In meinem Artikel „Wirtschaftswachstum mal langfristig“ musste ich Deutschland ein schlechtes Zeugnis ausstellen. Unter den 25 größten Volkswirtschaften wies es das drittniedrigste langfristige Wirtschaftswachstum auf. Umso erstaunter war ich natürlich, dass „The Economist“ bei einer langfristigen Wachstumsbetrachtung zu einer genau gegenteiligen Einschätzung gekommen ist. Die Briten sprechen vom deutschen „Vorsprung“.

Wie das?

Rangliste, Deutschland, Großbritannien, Japan, Kanada, USA, Frankreich, Italien

Quelle: The Economist

Die Briten betrachteten den Zeitraum 2000-2010 (statt 1999-2009) und bezogen so das für Deutschland günstige letzte Jahr mit ein. Das dürfte allerdings die Daten nur geringfügig ändern. Außerdem vergleichen sie nur die G7-Staaten; das ist ein relativ schwaches Wettbewerbsumfeld. Der entscheidende Unterschied ist aber, dass „The Economist“ das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf analysiert, während ich die Gesamtsumme herangezogen habe.

Tatsächlich ging die Bevölkerung in Deutschland leicht zurück, während sie in den anderen G7-Staaten stieg. Das wirkt sich natürlich günstig auf das deutsche BIP pro Kopf aus.

Die Frage ist nun, was einen interessiert. Das BIP eines Staates ist ein recht guter Indikator für wirtschaftliche Macht und Einfluss. Hier muss ich nichts zurücknehmen: Deutschlands wirtschaftliche Potenz hat sich nicht gut entwickelt. Das BIP pro Kopf andererseits ist ein ziemlich unzureichender Indikator für den Wohlstand. Hier ist eine genauere Analyse notwendig.

Zunächst einmal ist der Vorsprung gegenüber den meisten anderen G7-Staaten eher geringfügig. Viel wichtiger aber: Bei Wohlstandsanalysen sollte man nicht nur das durchschnittliche BIP pro Kopf betrachten, sondern auch seine Verteilung. Und in keinem anderen OECD-Land ist die Einkommensungleichheit stärker seit 2000 gewachsen als in Deutschland. Der deutsche Vorsprung erweist sich als nutzlos.

Auch „The Economist“ ist im Übrigen eher skeptisch in Bezug auf Deutschland. Das deutsche Wachstumsmodell, das auf Exporten beruht, sieht er als nicht nachhaltig an. Auch verweist er darauf, dass das deutsche Wachstum weniger auf eine Steigerung der Arbeitsproduktivität beruht, sondern vor allem auf eine Steigerung der erwerbstätigen Bevölkerung. Bei sinkender Gesamtbevölkerung hört sich das nach einer Art „letztem Aufgebot“ an.

Vielleicht hilft aber die in den nächsten zehn Jahren zwangsläufig sinkende Erwerbsbevölkerung und ein zunehmender Arbeitskräftemangel wieder, die Einkommensungleichheit etwas abzubauen.

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