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Angstmacher Jens Witte

Was wäre, wenn? Darüber lässt sich natürlich immer trefflich streiten. Aber was Jens Witte auf SPON über den „D-Mark-Alptraum“ schreibt, ist teilweise haarsträubend unplausibel. Darüber muss man streiten.

Aber eines vorweg: Wie im Artikel „Euro am Ende?“ geschrieben, glaube ich nicht an den großen Euro-Zusammenbruch und die Wiedereinführung der D-Mark, sondern an einen kleinen Euro-Zusammenbruch, das Ausscheiden von Spanien, Portugal und Griechenland aus der Eurozone. Die Wirtschaft dieser Länder läuft nicht im Eurotakt, darum müssen sie raus.

Mein Szenario unterstellt allerdings eine gewisse Einsichts- und Lernfähigkeit der Politiker. Ich hoffe einfach, dass die europäischen Politiker früh genug erkennen, dass man sich von den drei Mittelmeerländern verabschieden muss. Sollten die Politiker aber tatsächlich noch dümmer sein als angenommen und sollten sie zulange an einem 16-Länder-Euro festhalten, dann könnte es vielleicht wirklich irgendwann für den Euro insgesamt zu spät sein. Dann wird er uns um die Ohren fliegen.

Aber selbst das wäre nicht die große Katastrophe, die Jens Witte im Artikel „D-Mark-Alptraum“ an die Wand malt. Gehen wir mal seine Thesen durch:

  1. „Eine neue Währung kostet viel Geld.“ Ja, das stimmt, aber „viel“ ist immer relativ. Die Einführung des Euro-Bargeldes hat damals etwa 1 Milliarde € gekostet. Was ist das schon gegenüber den 22,4 Milliarden Kredite allein an Griechenland, für die wir bürgen und die wir größtenteils in den Wind schreiben werden können?

  2. „Ohne Euro bricht der deutsche Export ein.“ Ja, wahrscheinlich würde eine neu eingeführte D-Mark zunächst an den Devisenmärkten in die Höhe schießen. Aber wir kennen die Finanzmärkte, sie haben immer nur einen kurzen Atem. Mittelfristig wird sich ein Kurs durchsetzen, mit dem die Exportwirtschaft leben kann.

    Und überhaupt: Auch mit Euro wird der deutsche Export einbrechen. Spanien, Portugal und Griechenland fallen in den nächsten Jahren als Nachfrager aus, weil sie gerade wegen des Euros sparen müssen.

  3. „Die Zahl der Arbeitslosen schießt in die Höhe.“ Wie gesagt, ob mit Euro oder ohne Euro, die Exportwirtschaft sollte demnächst nicht allzu viel auf die Eurozone setzen. Vorerst haben wir aber das Glück, dass Asien und Lateinamerika den Nachfrageausfall aus den Euroländern mehr als ausgleichen können. Arbeitslosigkeit wird sich in Grenzen halten.

    Vor allem darf man nicht die Vorteile einer starken Währung vergessen. Importe werden nämlich billiger. Und davon werden wir alle profitieren – sei es beim Tanken oder beim Kauf von Elektronikwaren „Made in China“.

  4. „Europa verliert gegenüber China und den USA an Einfluss.“ Nun ist Einfluss von vielerlei Faktoren abhängig, wobei die Größe des Währungsraums einer der unbedeutendsten Faktoren ist. Auch nützt ein möglicher Einfluss nichts, wenn man so zerstritten ist, dass man damit nichts anzufangen weiß.

    Für Deutschland gilt: Mit der Einführung des Euro hat Deutschland Einfluss abgegeben. Durch eine eigene Währung würde es wieder Einfluss hinzugewinnen.

Euro am Ende?

Game over für den Euro“, schreibt Thomas Strobl alias Weißgarnix in seinem Blog. Und ein bisschen wundern mich seine europessimistischen Töne schon. Denn schon häufig hat sich Strobl als Schuldenfetischist geoutet und daher dachte ich, er müsse sich gegenwärtig sehr wohl fühlen, verkündet Irland doch ein Rekorddefizit, während es immer unwahrscheinlicher wird, dass Portugal und Griechenland ihre Schulden spürbar abbauen.

Tatsache ist allerdings, dass Länder wie Griechenland und Portugal gegenwärtig eine restriktive Fiskalpolitik betreiben/ betreiben müssen, die vielleicht in Deutschland angebracht ist, in diesen Ländern jedoch gar nicht zur wirtschaftlichen Lage passt. Das zeigen die Wirtschaftsprognosen des IWFs für die Euroländer 2010/11 in der nachfolgenden Tabelle. (Die fünf kleinen Euroländer habe ich weggelassen.)

Staat Prognose Wirtschaftswachstum 2010 Prognose Wirtschaftswachstum 2011
Belgien +1,6 % +1,6 %
Deutschland +3,3 % +2,0 %
Finnland +2,4 % +2,0 %
Frankreich +1,6 % +1,6 %
Griechenland -4,0 % -2,6 %
Irland -0,3 % +2,3 %
Italien +1,6 % +1,7 %
Niederlande +1,8 % +1,7 %
Österreich +1,6 % +1,6 %
Portugal +1,1 % +0,0 %
Spanien -0,3 % +0,7 %

Auch im Jahr 12 des Euro bestehen schwerwiegende Unterschiede in der wirtschaftlichen Entwicklung zwischen den einzelnen Staaten. So beträgt die Wachstumsdifferenz zwischen Deutschland und Griechenland 2010 voraussichtlich 7,3 Prozentpunkte. Griechenland müsste seine Währung unbedingt abwerten, um seine Wirtschaft anzukurbeln, Deutschland müsste seine aufwerten. Beides gleichzeitig geht jedoch bei einem einheitlichen Euro nicht.

Mein Szenario ist, dass diese Wachstumsdifferenzen nicht nur vorübergehend sind, sondern über die nächsten zwei bis fünf Jahre bestehen bleiben. Eine solche Zerreißprobe wird der Euro nicht unbeschadet überstehen.

Die Prognosen zeigen allerdings auch, dass Frankreich und Italien gut mithalten können. Insofern stimme ich Strobl nicht zu, wenn er glaubt, auch diese Länder werden aus dem Euro aussteigen. Selbst Irland könnte es packen. Immerhin sind die Aussichten für 2011 gut. Die irische Wirtschaft ist im Kern wettbewerbsfähig. Lediglich Griechenland, Portugal (für das die IWF-Prognosen meiner Meinung nach zu optimistisch sind) und wahrscheinlich Spanien werden ausscheiden oder herausgedrängt werden.

Verlassen diese Mittelmeerländer die Eurozone, ist das nur zu ihrem eigenen Wohl. So können sie nicht nur abwerten und ihre Wirtschaft ankurbeln, sondern auch ihre Euroschulden in Weichwährungsschulden konvertieren. Die lassen sich dann bequem zurückzahlen, auch ohne restriktive Sparmaßnahmen.

Schließlich ist auch Thomas Strobl „Weißgarnix“ kein Anhänger der These, dass alle Schulden unter allen Umständen bis auf den letzten Cent zurückgezahlt werden müssen, ja, er sieht das sogar als unmöglich an. Und da hat er recht.

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Portugal ist der Nächste

Das kommt uns doch alles bekannt vor. So meint der Eurogruppenvorsitzende Jean-Claude Juncker laut Handelsblatt: Die Krise Irlands werde nicht auf Portugal übergreifen. Die Situation der beiden Länder sei nicht direkt vergleichbar … Portugal unternehme außerdem große Sparanstrengungen, um sein Haushaltsdefizit unter drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts zurückzuführen. Portugals Regierunschef Socrates sieht das selbstverständlich genauso: „Wir haben niemals eine Immobilienblase gehabt, und unser Haushalt ist mit dem irischen nicht zu vergleichen.“

Nach der Griechenland-Krise war allerdings monatelang Ähnliches über Irland zu hören. Irland sei ganz anders als Griechenland, Irland sei reich, habe nie mit Zahlen getrickst und überhaupt … Und nun kommt Irland trotzdem nicht mehr ohne Kredite aus dem Euro-Stabilitätsfonds aus.

Beschwichtigende Stellungnahmen von Politikern sind ein guter Indikator dafür, dass es brodelt. Und es brodelt tatsächlich in Portugal. Der heutige Generalstreik im Land zeigt das ebenfalls.

Aber schauen wir uns die Zahlen an. Das Haushaltsdefizit lag 2009 bei 9,3 % des BIPs und wird dieses Jahr wohl bei 7,3 % des BIPs liegen. Das ist hoch, aber immerhin deutlich unter den Werten Griechenlands und Irlands. Der Schuldenstand liegt dagegen gegenwärtig bei 86,4 % des BIPs, während Irland 83,5 % aufweist.

Letztlich sind jedoch andere Daten wichtiger: In Portugal mag es keinen Immobilienboom gegeben haben, trotzdem sind dort auch die privaten Haushalte hoch verschuldet. Öffentliche und private Verschuldung zusammengerechnet machen 200 % des portugiesischen BIPs aus. Die portugiesische Wirtschaft wächst dagegen kaum merklich, die Arbeitslosigkeit ist hoch und das durchschnittliche Monatseinkommen eines Arbeitnehmers liegt bei gerade mal 1100 Euro brutto. Wie soll man so Schulden zurückzahlen? Vor allem ist die portugiesische Wirtschaft kaum wettbewerbsfähig. Das Leistungsbilanzdefizit liegt bei 10 % und damit nur wenig niedriger als das griechische.

Bei allen schlechten Zahlen, wahrscheinlich wäre weder der griechische noch der irische Hilferuf notwendig gewesen ohne die Finanzspekulationen, die die Kurse der Anleihen dieser Länder in den Keller geschickt haben und damit die Renditen auf diese Anleihen in die Höhe. Und so wird es auch bei Portugal sein.

Aktuell werfen griechische Papiere mit 10 Jahren Laufzeit 11,8 % Rendite ab, irische 8,5 %. Portugiesische Anleihen erreichen bislang „nur“ 6,9 % (deutsche zum Vergleich 2,6 %). Aber warten wir mal ein paar Monate ab, dann haben auch die Portugiesen mindestens irisches Niveau erreicht. Und dann wird es für Portugal sehr schmerzhaft, weitere Anleihen auszugeben und seinen Finanzbedarf auf dem freien Kapitalmarkt zu decken.

Bitte zahlen! Und bitte ohne Diskussion!

Eine Zeit lang galt Irland als Musterschüler. Schon mit Beginn der Finanzkrise 2008 setzte die irische Regierung drastische Ausgabenkürzungen durch: Kindergeld, Arbeitslosengeld und andere Sozialleistungen wurden gekürzt, selbst die Gehälter der im öffentlichen Dienst Beschäftigten beschnitt man um 14 %. Nur die Unternehmen blieben unangetastet, sie müssen nach wie vor lediglich 12,5 % Steuern auf den Gewinn zahlen.

Das fand im Ausland Beifall und auch die deutschen Medien verbreiteten bis vor ein paar Wochen meist Optimismus, wenn es um Irland ging. Typisch z. B. ein Beitrag von Brigitta Moll für die Deutsche Welle mit dem Titel „Irland wird den Sturm überstehen“ – veröffentlicht am 1. Oktober.

Da war allerdings schon bekannt, dass die Anglo Irish Bank neue Staatsgarantien in Höhe von 34 Milliarden Euro braucht. Gleichzeitig mit den Ausgabekürzungen begann Irland nämlich Geld in sein marodes Bankensystem zu pumpen. Die Zahlen sind in sich widersprüchlich, aber laut Handelsblatt wird Irland alles in allem 70 Milliarden in seine Banken stecken müssen, um sie zu retten. Das sind nicht weniger als 44 % des BIPs der Inselwirtschaft. Bei solchen Zahlen nützt es auch nichts, wenn die irische Wirtschaft gesund und wettbewerbsfähig ist und große Namen wie Microsoft oder Google dort ihre Europazentrale haben.

So muss also jetzt Europa einspringen mit seinem Euro-Stabilitätsfonds. Egghats Blog nennt die Zahl von 63 Milliarden Euro, die vom Festland auf die grüne Insel fließen sollen, andere glauben eher an 80 bis 90 Milliarden. Macht ja nix, denn das Geld fließt auch wieder zurück – natürlich nicht in die Hände der deutschen (und europäischen) Steuerzahler, aber zumindest in die der deutschen (und europäischen) Banken. So sind Deutsche Banken nach den britischen die zweitgrößte Gläubigergruppe der Iren. 101 Milliarden der insgesamt 536 Milliarden Euro irischer Schulden wurden bei deutschen Banken aufgenommen.

Kein Wunder also, dass sich Deutsche-Bank-Chef Ackermann persönlich für die Unterstützung Irlands einsetzt. Kritische Einwände sind da unerwünscht. Ackermann möchte sie sogar am liebsten ganz unterbinden. Schließlich müsse man Rücksicht auf die ach so empfindsamen Finanzmärkte nehmen. Ja, jedes Husten und Räuspern im deutschen Bundestag kostet uns letztlich Millionen, Blogartikel wie dieser wahrscheinlich auch schon Tausende. Das werden wir uns nicht mehr lange leisten können.

Und wozu überhaupt noch Demokratie, wenn es doch Finanzmärkte gibt?

Kämpft Merkel in Seoul für die Rentner von morgen?

Natürlich war es klar, dass aus dem Vorschlag von US-Finanzminister Geithner, Ungleichgewichte in der Leistungsbilanz eines Staates strikt zu begrenzen, nichts geworden ist. In der Abschlusserklärung des G-20-Gipfels wird darüber nichts zu finden sein. Zu stark sind die gegenläufigen Interessen aus den Exportnationen China, Japan und Deutschland. Es fragt sich allerdings, ob Bundeskanzlerin Merkel und Chinas Präsident Hu Jintao ihren Ländern wirklich einen guten Dienst erwiesen haben oder ob sie nur den kurzfristigen Lobbyinteressen ihrer Exportindustrien gedient haben.

Ich glaube ja eher letzteres, während Charles Wyplosz auf Ökonomenstimme einen dauerhaften deutschen Leistungsbilanzüberschuss mit durchaus bedenkenswerten Gründen rechtfertigt. Er argumentiert auf der folgenden Linie: Dass Deutschland mehr exportiert als importiert, bedeutet nichts anderes als dass ein Teil der Einnahmen aus unseren Exporten im Ausland verbleibt. Sie werden dort angelegt, also gespart, anstatt für den Konsum ausgegeben. Genau dies ist aber richtig in einer alternden Gesellschaft. Wir konsumieren jetzt weniger als wir produzieren, um in der Zukunft, wenn wir mehr Alte und weniger erwerbstätige Junge haben, mehr konsumieren zu können als zu produzieren.

Die Frage ist allerdings, ob Wyplosz und damit wir Deutschen nicht diese Rechnung ohne den Wirt machen. Die Finanzkrise der letzten Jahre hat doch gezeigt, welches Risiko so manche ausländische Geldanlage barg. Und das Risiko wird noch steigen, wenn in 20 Jahren tatsächlich deutsche (und europäische) Rentnermassen ihr Erspartes aus den USA, Brasilien oder China zurückfordern, um davon ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Denn dann muss der Kurs der amerikanischen, brasilianischen oder chinesischen Papiere, in denen das Vermögen angelegt wurde, nach den Gesetzen von Angebot und Nachfrage fallen.

Zudem sind es nicht gerade die Geringverdiener, die ihr Geld in Dollar oder Yuan anlegen (oder anlegen lassen). Gerade die hätten aber eine zusätzliche Altersvorsorge angesichts sinkender Erträge der umlagefinanzierten Rente am bittersten nötig. Selbst wenn also die deutschen Anlagen im Ausland die erwartete Rendite abwerfen würden, es würde nur eine tiefe soziale Kluft zwischen armen und reichen Alten entstehen. Von einer generellen Lösung der Probleme einer alternden Gesellschaft wären wir immer noch weit entfernt.

Bedingungsloses Grundeinkommen – das Ende der Arbeit?

Der Linzer Ökonom Friedrich Schneider hat im Auftrag des dm-Gründers Götz Werner eine Studie zum bedingungslosen Grundeinkommen erstellt und die Reaktionen darauf sind teilweise vernichtend. Aber nicht jeder Einwand ist gerechtfertigt.

Doch fange ich erst einmal mit der gerechtfertigten Kritik an. In der Tat ist es methodisch unsauber, Bürger über ihre Ansichten zum bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) zu befragen, dabei aber nichts zur Höhe und auch nichts zur Finanzierung eines solchen Grundeinkommens zu erzählen. Die Vorschläge für ein BGE reichen immerhin von 600 € plus Krankenversicherung beim ehemaligen thüringischen Ministerpräsidenten Althaus bis hin zu 1500 €, wie es 50.000 Bürger in einer Petition an den Bundestag fordern.

Die Grundsätze eines bedingungslosen Grundeinkommens sind allerdings klar definiert. Es muss 1. individuell, unabhängig von der Haushaltsgemeinschaft, in der man wohnt, ausbezahlt werden, 2. existenzsichernd sein, 3. ohne Bedürftigkeitsprüfung gezahlt werden und 4. beinhaltet es keine Arbeitsverpflichtung. Schneider geht zudem davon aus, dass es so hoch sein soll, dass es „auch die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben“ ermöglicht.

Vorausgesetzt die Grundsätze wurden den Befragten verständlich gemacht, kann man bei allem Vorbehalt die Ergebnisse der Umfrage trotz ihrer methodischen Schwäche verwerten. Und damit möchte ich zu ihrem wichtigsten Ergebnis kommen: Die Befragten gaben nämlich im Durchschnitt an, dass sie 2,4 Stunden mehr arbeiten würden, wenn sie ein Grundeinkommen bekämen.

Allerdings rührt die angestrebte Mehrarbeit hauptsächlich daher, dass Arbeitslose, Nicht-Erwerbstätige, Rentner und Hausfrauen mehr arbeiten wollen. Beschäftigte dagegen würden ihr Arbeitsangebot um durchschnittlich 4,2 Stunden (Arbeitnehmer) bzw. 4,6 Stunden (Selbständige) reduzieren. Rechtfertigt das die (anfangs erwähnte) harsche Kritik? Die Frage ist doch, ob die Reduzierung des Arbeitsangebots der einen durch das Arbeitsangebot der anderen aufgefangen werden kann. Dies sollte meiner Meinung nach möglich sein.

Nun wollen am häufigsten Hilfsarbeiter/ Aushilfen und Beschäftigte im Sektor Landwirtschaft/ Natur ihr Arbeitsangebot reduzieren. Führt das dazu, dass es nach Einführung des BGE z. B. keine Putzfrauen mehr geben wird? Nun, eins lässt sich auf jeden Fall ausschließen: dass die Haushalte, die jetzt eine Putzfrau beschäftigen, nach Einführung des BGE in Müll und Schmutz ersticken werden. Die Arbeit wird auf jeden Fall gemacht werden. Sei es, dass die Haushaltsmitglieder nun wieder selbst den Putzlappen in die Hand nehmen, sei es, dass sie ihr Lohnangebot erhöhen, so dass diese Arbeit attraktiver wird. Beides wäre in Ordnung.

Das Trilemma der internationalen Ökonomie

Der nächste G-20-Gipfel steht an, am Donnerstag und Freitag in der koreanischen Hauptstadt Seoul. Trotz aller Gipfelrituale könnte es einer der spannendsten Gipfel der letzten Jahre werden. Denn der Handlungsdruck ist inzwischen so groß wie die Interessenkonflikte.

Die USA suchen verzweifelt nach Möglichkeiten, ihre Leistungsbilanz in Ordnung zu bringen. Bewusst nehmen sie dafür einen billigen Dollar in Kauf, während sie gleichzeitig mit dem Finger auf die Chinesen zeigen, die ihrerseits ihre Währung künstlich verbilligen.

Auf der anderen Seite steht aber nicht nur China, sondern auch Schwellenländer wie Brasilien. Diese Länder müssen das herumvagabundierende Kapital, das heute in diese Schwellenländer strömt, morgen aber vielleicht schon wieder woandershin, bändigen. Sie versuchen dies mit Kapitalverkehrskontrollen, aber auch mit dem Aufbau von Devisenreserven. Beides verbilligt die Währungen dieser Länder.

Den Stein der Weisen, der all diese Probleme löst, gibt es nicht. In der aktuellen Diskussion blieb es bisher dem Economist vorbehalten, auf das grundsätzliche Dilemma jeder Geld- und Währungspolitik hinzuweisen, das in diesem Fall sogar ein Trilemma ist. Es besteht darin, das man nicht gleichzeitig eine stabile Währung im Innern haben kann (also geringe Inflation), eine stabile Währung nach außen (also geringe Wechselkursschwankungen) und einen freien Kapitalverkehr über die Grenzen hinweg. Das geht genauso wenig wie man mit ein und demselben Euro gleichzeitig Butter für ein Euro und Milch für ein Euro kaufen kann.

Man muss sich schon entscheiden. Und wenn man mich fragen würde, welches der drei Dinge man am ehesten entbehren kann, geringe Inflation, geringe Wechselkursschwankungen oder freien Kapitalverkehr, dann würde ich antworten: den freien Kapitalverkehr.

Natürlich ist es segensreich, wenn das Kapital immer dahin strömt, wo es am nutzbringendsten eingesetzt werden kann. Aber leider ist dies meiner Meinung nach aufgrund der unzureichend funktionierenden Finanzmärkte ohnehin nicht der Fall. Oder war es sinnvoll, dass das internationale Kapital armen Amerikanern, die bald mit den Ratenzahlungen überfordert waren, den Hauskauf finanziert hat? Oder war es sinnvoll, dass das internationale Kapital (wie Ende der 90er) jede Internetklitsche mit Millionen beschenkt hat? Die Liste der (um es im Ökonomenjargon zu sagen) Fehlallokationen ist zumindest viel zu lang.

Kann eine lockere Geldpolitik Amerikas Wirtschaft helfen?

Zu viel? Zu wenig? Eigentlich scheißegal, was die FED macht? Das neue Programm der FED beinhaltet den Ankauf amerikanischer Staatsanleihen in Höhe von voraussichtlich 600 Milliarden $ und die Meinungen über diese Lockerung der Geldpolitik („quantitative easing 2“ ) gehen weit auseinander.

Berkley-Ökonom DeLong hat ausgerechnet, dass die Maßnahmen der FED gerade einer Zinssenkung von 0,01 % entsprechen. Auch Paul Krugman hält das Ganze für einen müden Witz. Und Untergangsökonom Nouriel Roubini prophezeit über Twitter schon ein „quantitative easing 3“ und ein „QE 4“, weil Nummer 2 nicht wirken wird. Auf der anderen Seite warnen die Ökonomen Martin Feldstein und Alan Meltzer davor, dass neue Preisblasen entstehen werden, wenn weiterhin so viel Geld in die Wirtschaft gepumpt wird.

Eine eher skeptische Analyse, der ich weitgehend zustimmen kann, findet sich auch bei Credit Writedowns. Die Autoren heben nicht so sehr auf den Umfang des Programms ab, sondern auf das Mittel. Und dabei geht es ihnen nicht nur um den problematischen Ankauf von Staatsanleihen. (Nicht umsonst ist dieses Instrument der EZB verboten, verführt es doch Staaten zu einer lockeren Ausgabenpolitik, wenn die eigene Zentralbank direkt das Geld dafür bereitstellt.)

Es geht den Autoren um die Geldpolitik allgemein. Immerhin sind die Zinssätze in den USA schon auf einem historisch niedrigen Level, trotzdem stockt die US-Wirtschaft. Warum sollten weitere geldpolitische Maßnahmen ihr helfen?

Wahrscheinlich befindet sich die US-Wirtschaft in einer Keyensschen Liquiditätsfalle. Viele amerikanische Haushalte sitzen auf hohen Schulden und haben deswegen ihren Konsum reduziert. Daran wird auch zusätzliche Liquidität nichts ändern, es sei denn … ja, es sei denn, diese Liquidität führt zu einer Inflation, die diese Schulden nennenswert entwertet, vielleicht um 20 oder 30 %. Dafür allerdings wird die Lockerung der Geldpolitik durch die FED tatsächlich nicht reichen. Es ist auch mehr als fraglich, ob eine solche Inflation wünschenswert wäre. Weniger Nebenwirkungen hätte wohl ein Programm, das direkt den verschuldeten Haushalten hilft.

Wirtschaftswachstum mal langfristig

Als Wirtschaftswurm lebe ich ja in einer Welt der Zahlen: die Arbeitslosenzahlen vom Oktober, die Außenhandelszahlen des dritten Quartals, Daten über die Industrieproduktion oder die Staatsschulden, dazu jeden Tag neue Wechselkurse. Und schließlich die Zahl der Zahlen, das Bruttoinlandsprodukt (kurz BIP) oder frei nach Tolkien im „Herr der Ringe“:

Die Zahl sie zu knechten,
sie alle zu finden,
ins Dunkel zu treiben
und ewig zu binden.

Die Wirtschaftsmedien quillen über vor Zahlen. Veröffentlicht werden Monats- und Quartalszahlen, manchmal auch Jahresdaten. Doch bei langfristigen Daten herrscht Fehlanzeige. Auch im Internet ist es schwer, langfristige Zahlen selbst über das Bruttoinlandsprodukt zu finden. Wer langfristig denken will, muss sie darum selbst ausrechnen. Und das habe ich gemacht.

Achtung! Dieser Artikel ist veraltet. Es gibt einen aktualisierten und erweiterten Artikel: Wirtschaftswachstum und Lebensstandard langfristig gesehen (2004-14)

Ich habe für die 25 Staaten mit der größten Wirtschaft (dem größten BIP in US-$ 2009) das Bruttoinlandsprodukt des vergangenen Jahres, also 2009, mit dem von 1999 verglichen.  Grundlage waren die Daten des IWF. Ausgerechnet habe ich die 10-Jahres-Wachstumsrate 1999-2009 und herausgekommen ist folgende Tabelle:

Staat Einheit der nationalen Währung BIP 1999 zu konstanten Preisen in nationaler Währung BIP 2009 zu konstanten Preisen in nationaler Währung Wachstum über 10 Jahre 1999-2009 durchschnitt-liches Wachstum pro Jahr
Australien Millionen 891.864 1.206.032 35,2% 3,06%
Belgien Millionen 288.191 335.169 16,3% 1,52%
Brasilien Millionen 981.755 1.359.708 38,5% 3,31%
China Millionen 4.811.315 12.789.124 165,8% 10,27%
Deutschland Millionen 1.998.459 2.169.389 8,6% 0,82%
Frankreich Millionen 1.386.350 1.598.737 15,3% 1,44%
Großbritannien Millionen 1.099.327 1.296.390 17,9% 1,66%
Indien Millionen 24.105.914 46.721.144 93,8% 6,84%
Indonesien Milliarden 1.319.190 2.176.975 65,0% 5,14%
Italien Millionen 1.148.636 1.207.875 5,2% 0,50%
Japan Millionen 489.130 525.015 7,3% 0,71%
Kanada Millionen 1.045.786 1.285.604 22,9% 2,09%
Mexiko Millionen 6.924.178 8.345.649 20,5% 1,88%
Niederlande Millionen 402.113 469.416 16,7% 1,56%
Norwegen Millionen 1.876.366 2.255.855 20,2% 1,86%
Österreich Millionen 217.168 257.065 18,4% 1,70%
Polen Millionen 714.011 1.049.820 47,0% 3,93%
Russland Millionen 22.643.144 38.155.741 68,5% 5,36%
Schweden Millionen 2.559.690 3.108.002 21,4% 1,96%
Schweiz Millionen 407.467 483.508 18,7% 1,73%
Spanien Millionen 520.582 671.847 29,1% 2,58%
Südkorea Millionen 638.458 980.413 53,6% 4,38%
Taiwan Millionen 9.198.098 12.821.384 39,4% 3,38%
Türkei Millionen 67.841 97.144 43,2% 3,66%
USA Millionen 10.779.850 12.880.600 19,5% 1,80%

Dazu noch folgendes Diagramm:

Wachstumsrate des BIP 1999-2009 für China, Indien, Russland, Polen, Spanien, Deutschland, Frankreich und andere wichtige Volkswirtschaften

Die erstaunliche wirtschaftliche Entwicklung Chinas tritt im 10-Jahres-Vergleich deutlich hervor. Chinas Wirtschaft ist um 166 % gewachsen, durchschnittlich 10,3 % im Jahr, und liegt damit klar vor der Nummer 2, Indien, dessen BIP um 93,8 % wuchs. Indien wiederum hat ein bedeutend stärkeres Wachstum als die Nummer 3, Russland, das 68,5 % erreichte. Unter den fünf Spitzenreitern liegen vier in Süd- oder Ostasien.

Der EU-Staat mit der besten wirtschaftlichen Entwicklung war Polen mit einem Plus von 47,0 %, der beste Euro-Staat war Spanien, dessen BIP immerhin um 29,1 % wuchs. Die letzten neun Plätze unter den großen 25 belegen acht europäische Staaten und Japan.

Deutschland erreicht gerade mal den drittletzten Platz mit einem Plus von 8,6 %, abgeschlagen hinter Frankreich mit 15,3 %. Auch ein hervorragendes Wachstum 2010 wird das nicht ändern. Es lässt sich nicht erkennen, dass Deutschland (wie vielfach behauptet) vom Euro besonders profitiert hat. Auch scheint zweifelhaft, dass Deutschlands Wachstumsmodell, das auf die Exportindustrien setzt, gut funktioniert.

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