Jahr: 2011

Wachsende Lohnspreizung in Deutschland – Gegenmaßnahmen

Im ersten Artikel zur Lohnspreizung in Deutschland ging es um die Zahlen, die belegen, dass sich untere, mittlere und hohe Löhne immer weiter auseinanderentwickeln. In meinem zweiten Artikel zum Thema wurde neben anderen vor allem eine Ursache dieser wachsenden Lohnspreizung aufgezeigt: Die Stellen im mittleren Lohnbereich sind weniger geworden. Und dies ist mutmaßlich eine Folge der Computerisierung. Was aber kann man nun gegen diese Entwicklung tun? Politisch ist vor allem ein allgemeiner Mindestlohn in der Diskussion. Aufgrund der negativen Nebenwirkungen eines Mindestlohnes bin ich da eher skeptisch. Aloa vom Blog „libri logicorum“ macht nun einen anderen Vorschlag: die negative Lohnkostensteuer. Diese Steuer soll eine Unternehmenssteuer sein wie z. B. auch die Gewerbesteuer. Bemessungsgrundlage sind die Lohnzahlungen des Unternehmens. Der Steuersatz hängt dabei von der dem Einzelnen gezahlten Lohnhöhe ab. Er ist für hohe Löhne und für Minilöhne höher und am niedrigsten für die Zahlung eines Durchschnittslohnes. Bei mittleren Löhnen soll der Steuersatz sogar negativ sein, sprich, der Arbeitgeber bekommt Geld vom Staat. Graphisch stellt sich der Steuersatz als Häkchen dar: Steuersatz der Lohnkostensteuer in Abhängigkeit von …

Wachsende Lohnspreizung in Deutschland – die Ursachen

Im ersten Artikel zum Thema Lohnspreizung konnte ich Zahlen präsentieren, nach denen sich schon seit Ende der 70er Jahre die hohen Löhne stärker von den mittleren absetzten. Und seit Anfang der 90er Jahre blieben gleichfalls die unteren Löhne stärker hinter den mittleren zurück. Aber was sind die Ursachen dieser wachsenden Lohnspreizung? Für aloa5 in seinem Blog „libri logicorum“ ist die Sache klar: Waren, die mit vielen wenig qualifizierten Arbeitskräften hergestellt werden, importieren wir inzwischen aus China & Co., während wir dafür Sachen herstellen und exportieren, für die man nur wenige und dafür hochqualifizierten Arbeitskräfte braucht. Damit fallen viele Stellen im unteren Lohnbereich weg, während die Nachfrage nach Fachkräften steigt. Entsprechend wächst der Lohndruck unten, während die hohen Löhne überdurchschnittlich zunehmen. Für Volkswirte ist das keine Überraschung. Das Phänomen wird im so genannten Heckscher-Ohlin-Theorem beschrieben. Die niedrigen Löhne sinken in Deutschland als Folge einer zunehmenden Spezialisierung des Landes im Welthandel auf Tätigkeiten, für die man hochqualifizierte Leute braucht. Interessanterweise taucht das Thema Globalisierung in der (bereits erwähnten) Forschungsarbeit von Christian Dustmann, Johannes Ludsteck und Uta Schönberg …

Wachsende Lohnspreizung in Deutschland – die Fakten

Dass der Abstand zwischen Arm und Reich auch in Deutschland gewachsen ist, gehört schon fast zum Allgemeinwissen. Die Gründe dafür sind dagegen keineswegs klar. Ich möchte heute ein paar Zahlen zum Thema präsentieren und in einem zweiten Artikel nächste Woche einige Ursachen der Besorgnis erregenden Entwicklung aufzeigen. Für beides habe ich mich mit einem Artikel der Wirtschaftswissenschaftler Christian Dustmann, Johannes Ludsteck und Uta Schönberg gewappnet, die diese 2009 im angesehenen Quarterly Journal of Economics veröffentlicht haben. Eines allerdings vorweg: Vielfach wird beim Thema Einkommensverteilung nur auf die Lohnquote geschaut. Die Nettolohnquote sinkt, einem langfristigen Trend folgend, schon seit den 70er Jahren, während die Nettogewinnquote seit den 90ern steigt. Das heißt, dass der Anteil der Arbeitseinkommen am gesamten Volkseinkommen schrumpft, während der Anteil der Unternehmergewinne und Kapitaleinkünfte steigt. So betrug die Nettolohnquote 1991 noch 48,1 %, 2009 dagegen nur noch 41,1 %. Die Nettogewinnquote stieg dagegen im selben Zeitraum von 29,8 % auf 32,6 %. Die sinkende Lohnquote ist aber nur ein Teil der wachsenden Einkommensungleichheit. Denn auch innerhalb der Gruppe der Lohn- und Gehaltsempfängern sind …

Sind 20 Millionen Dollar Jahresgehalt zu viel?

20 Millionen $ hätte ich natürlich auch gern – habe ich aber nicht. Uns so bleibt mir genauso wie Miss B auf Kantoos nur die Möglichkeit, über die Frage zu sinnieren, ob 20 Millionen $ Jahresgehalt für einen Basketballprofi zu viel sind. So viel bekommen nämlich Spitzenstars der amerikanischen Profiliga NBA wie der Würzburger Dirk Nowitzki. Miss B versucht in ihrem Artikel das Verhältnis zwischen Spielergehältern und Einnahmen der Liga abzuschätzen und kommt zu dem Schluss, dass diese Relation bei der NBA zumindest von der Größenordnung her ähnlich ist wie in der Bundesliga. Also alles ganz fair? Leider verliert Miss B in ihrem Artikel überhaupt kein Wort über wirtschaftliche Macht. Die ist aber der entscheidende Schlüssel, um die NBA-Spielergehälter zu verstehen. Wirtschaftliche Macht spielt im Profi-Basketball eine doppelte Rolle: bei den Spitzenspielern selbst und bei der Liga insgesamt. Sie resultiert aus einer Monopolstellung, aus einem Mangel an Alternativen, die ausgenutzt wird. Das Problem ist folgendes: Fans von NBA-Teams wie der Boston Celtics oder der Los Angeles Lakers interessieren sich nicht einfach nur für Basketball, sie …

War der Euro wirklich so stabil?

Bei der Verleihung des Aachener Karlspreises wurde (es war nicht anders zu erwarten) das Hohelied auf die Stabilität des Euros gesungen – nicht zuletzt vom Preisträger selbst, dem EZB-Präsidenten Jean-Claude Trichet. In seiner Dankesrede sagte er: „In den ersten zwölf Jahren nach der Euro-Einführung betrug die durchschnittliche jährliche Inflationsrate 1,97 %. Dieser Wert steht in vollem Einklang mit der Definition von Preisstabilität der Europäischen Zentralbank (EZB): eine Preissteigerungsrate von unter, aber nahe 2 % auf mittlere Sicht.“ Nun, nachts sind alle Katzen grau – und im Durchschnitt sind sie es auch. Ob die Europäer tatsächlich mit dem Euro zufrieden sein können, entscheidet sich nicht an Durchschnittswerten, sondern an der Preissteigerung vor Ort. Schauen wir uns darum die nationalen Zahlen seit Einführung des Euro-Bargeldes (2002) an. Lassen wir die kleinen Länder außer Acht und berücksichtigen nur die mit mehr als 4 Millionen Einwohnern. Das sind zwölf: Belgien, Deutschland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Irland, Italien, Niederlande, Österreich, Portugal und Spanien sowie ab 2009 die Slowakei. Es geht also von 2002-2010 um 101 Daten über die durchschnittliche jährliche Preissteigerung . Wie …

Muss der Spritpreis reguliert werden?

Welt Online stellt unter dem Titel „Ökonomen verreißen Regulierung von Benzinpreisen“ die drei gegenwärtig diskutierten Modelle zur Spritpreisregulierung vor. Ausführlich kommen auch die Gegner einer Regulierung zu Wort und so ist die Tendenz des Artikels klar gegen staatliche Eingriffe. Überzeugen kann mich das nur bei der Regulierung nach Luxemburger Modell. In Luxemburg gibt es eine Vereinbarung zwischen Mineralölwirtschaft und Regierung, nach der sich die Tankstellenpreise aus den Rotterdamer Großhandelspreisen plus einer festen Marge ergeben. Diese Regelung ist natürlich nichts anderes als die Aufhebung des Preiswettbewerbes durch ein Kartell. Und so verwundert es nicht, dass Superbenzin in Luxemburg vor Steuern einen halben Cent teurer ist als in Deutschland. Das österreichische Modell sieht hingegen vor, dass die Tankstellen ihren Preis nur einmal am Tag (mittags) ändern dürfen. Preiszyklen würden dadurch jedoch nur verlangsamt, glaubt das Bundeskartellamt, das Preisniveau ändere sich nicht. Hier ist allerdings ein Fragezeichen anzusetzen. Sehr häufige Preisänderungen können zu Intransparenz auf dem Markt führen, die Autofahrer verlieren den Durchblick, tanken mitunter teurer als sie müssten. Das österreichische Modell erhöht die Transparenz und sollte daher …

Der OECD-Weg zum Glück

Zu ihrem 50-jährigen Geburtstag lädt uns die OECD ein, unseren ganz eigenen Glücksindikator zu basteln. Hierfür gibt es eine eigene Internetpräsenz unter der Adresse www.oecdbetterlifeindex.org. Dort kann man 11 Lebensbereiche gewichten (von Wohnung über Beschäftigungsmöglichkeiten bis hin zu Lebenszufriedenheit). Entsprechend seiner persönlichen Gewichtung wird dann eine Rangliste der 34 OECD-Staaten erstellt. Eines vorweg: Nach meiner persönlichen Gewichtung landet Deutschland auf dem extrem durchschnittlichen Platz 17. In Österreich und der Schweiz, vor allem aber in Australien, Schweden und Kanada ginge es mir (wahrscheinlich) besser. Dirk Hinrich Heilmann (Handelsblog) sieht allerdings im persönlichen OECD-Glücksindikator nur eine nette Spielerei „mit begrenztem Erkenntnisgewinn“. Er vermenge objektive und subjektive Daten und erzeuge wegen der individuellen Gewichtungen „unendlich viele“ Ergebnisse. So streng mag ich das allerdings nicht sehen. Zunächst einmal berichtet uns die moderne Hirnforschung, dass auch scheinbar subjektive Empfindungen wie das persönliche Wohlbefinden objektiv feststellbar sind, wenn man ins menschliche Hirn schaut. Zum anderen verdeutlicht der OECD-Indikator anschaulich, dass persönliche Präferenzen eine Rolle spielen müssen, wenn man aus nicht vergleichbaren Einzeldaten einen einzelnen Gesamtindikator berechnet. Das ist letztlich auch bei …

„Wir sind uns einig“

Der sonntägliche Presseclub in der ARD gehörte bislang zu den Talkshows, die auch inhaltliche Substanz zu bieten hatten. Die beiden letzten Runden, beide zum Thema Europa und Euro, waren da hoffentlich nur Ausreißer und geben keinen neuen Trend wieder. Schlimm waren weniger die platten Pro-Euro-Argumente. Schlimm war, dass sie unwidersprochen blieben. In der gestrigen Runde tat sich vor allem Ulrike Guérot hervor. So sprach sie von einem „Wirtschaftswunder ohne Ende“. Dabei ließ sie sich offensichtlich von den flotten Sprüche des Ex-Wirtschaftsministers Brüderle inspirieren, zeigte sich aber wirklichkeitsresistent. Wie trostlos es in den ersten 10 Eurojahren tatsächlich mit dem Wirtschaftswunder Deutschland aussah, wissen treue Wirtschaftswurm-Leser ja bereits aus meinem Artikel „Wirtschaftswachstum mal langfristig“. Selbst Henning Krumrey (ansonsten der überzeugendste Talker) schlug in dieselbe Kerbe: „Deutschland profitiert am stärksten vom Euro“, behauptete er. Wenn mit Deutschland die Anteilseignern der Exportindustrie gemeint sind, dann hat er zweifellos recht. Schon für die Angestellten der Exportindustrie trifft Krumreys Spruch aber kaum zu. Sie haben den Exporterfolg durch den Verzicht auf Reallohnsteigerungen erkauft. Die Mehrheit der Deutschen hat sogar Nachteile vom …

Ein Schuldenschnitt ist notwendig, aber nicht ausreichend

Die Debatte um einen Schuldenschnitt der griechischen Staatsschulden ist auch in den deutschen Wirtschaftsblogs angekommen. Allerdings geht es gar nicht mehr um das Für und Wider einer Umschuldung. Dass Griechenland um eine Entschuldung nicht mehr herumkommt, steht außer Frage. Debattiert wird nur noch über die möglichen Folgen und die Vorgehensweise. Franz Lübberding sorgt sich bei Weissgarnix um den Dominoeffekt: „Es mag sein, dass es Iren, Portugiesen oder auch Spanier im Gegensatz zu den Griechen aus eigener Kraft schaffen können. Aber wie will man der dortigen Bevölkerung diesen Kraftakt vermitteln, wenn es in Athen doch auch anders geht?“ Und weiter: „In kurzer Frist käme von den USA bis Japan jeder Staat in den Verdacht, sich in gleicher Weise wie die spanischen Könige der frühen Neuzeit ihrer Schulden zu entledigen.“ Allerdings wissen Iren, Portugiesen und Spanier, dass man einen Schuldenschnitt nicht mal eben aus einer Laune heraus macht. Wenn sie ihn durchführen (und die Portugiesen werden mittelfristig nicht darum herumkommen), dann, weil eine Entschuldung notwendig ist. Und was die Spekulanten anbelangt: Ihre Rolle in der Schuldenkrise ist …

Deutsche Lohnpolitik ist nicht auf Kurs

Anfang April verkündete die IG Bergbau Chemie Energie noch ein erkleckliches Lohnplus von 4,1 % für die Beschäftigten der Chemiebranche und das Handelsblatt warnte bereits vor einem Lohn-Wettlauf. Die Frankfurter Rundschau ließ jedoch bei zwei Quellen nachrechnen und danach bleiben magere 2,0 % Lohnplus. Der Grund: Die Einmalzahlung vom letzten Jahr fällt nun weg. Die neue Lohnerhöhung muss diesen Wegfall erst einmal ausgleichen. Damit müssen die Chemiebeschäftigten trotz Wirtschaftsaufschwung einen Reallohnverlust hinnehmen. Denn die Verbraucherpreise dürften nach bisherigen Schätzungen in diesem Jahr um 2,4 % steigen. Und verwundern würde es nicht, wenn es am Ende noch mehr würden. Offensichtlich sind auch starke Gewerkschaften in boomenden Branchen momentan nicht fähig, angemessene Lohnzuwächse auszuhandeln. Ein wichtiger Grund ist die Konkurrenz durch Leiharbeit und Leiharbeiter. Auch scheinen die Gewerkschaftsspitzen die ganzen Probleme um den Euro und die sich daraus ergebenden Inflationssorgen auszublenden. Vielleicht auch ein Fall ideologischer Befangenheit? Und nun bin ich an dem Punkt, an dem ein Artikel über Lohnpolitik zu einem Artikel über die Eurozone und Griechenland wird. Das lässt sich in der heutigen Zeit wohl kaum …

Kein Bürgerkrieg in Griechenland, aber das Land wird trotzdem ausbluten

Hans-Werner Sinn ist nicht nur Ökonom, er kann auch Sachen auf den Punkt bringen: Im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sagte er: „Wenn Griechenland aus dem Euro austräte, könnte es abwerten und wettbewerbsfähig werden.“ Und weiter: „Wenn Griechenland dagegen eine sogenannte interne Abwertung in dem nötigen Umfang von 20 bis 30 Prozent im Euroraum durch Kürzung von Löhnen und Preisen versuchte hinzukriegen, geriete es an den Rand des Bürgerkriegs.“ Sinn gibt damit nicht atemberaubend Neues zu Protokoll, das ist auch nicht seine Absicht. Er gibt nur grundlegende Lehrbuchökonomie wieder. Danach gibt es zwei Lösungen, wenn eine Volkswirtschaft nicht international wettbewerbsfähig ist: Man macht ihre Produkte billiger, entweder indem man die eigene Währung abwertet (was im Falle Griechenlands eine eigene Währung voraussetzt) oder indem man die Löhne und Kosten kürzt. Einen dritten Weg zu internationaler Wettbewerbsfähigkeit gibt es nicht. Indem Griechenland eine Währungsabwertung bislang ausschließt, setzt es auf Lohnkürzungen. Während die allerdings bei Staatsbediensteten noch verhältnismäßig einfach durchzusetzen sind, wird es bei den Beschäftigten im privaten Sektor schwierig. In der Praxis kann man Lohnkürzungen und …