Wirtschaftswurm-Blog

Die EZB und das Deflationsgespenst

EZB-Neubau bei Nacht

In Japan ist bereits Ernüchterung eingekehrt, was die „Abenomics“ anbelangt, also die Stimulierung der Wirtschaft durch eine Geldschwemme der Zentralbank. In Europa dagegen sinniert man noch darüber, wie man diese Geldschwemme endlich bewirken kann. EZB-Präsident Mario Draghi verhieß zumindest für den Juni neue geldpolitische Lockerungsmaßnahmen. Aber brauchen wir die wirklich? Ist die Angst vor einer Deflation berechtigt?

Ich habe das Thema Deflation bereits im Februar hier zum Thema gemacht. Fazit damals: Keine Angst vor dem Deflationsgespenst, es ist wenig real. Seitdem sind allerdings die Inflationserwartungen der Konsumenten in der Eurozone weiter gesunken. Muss ich mich nun revidieren?

Ich glaube nein.

Schon allein, dass die Inflationsrate in der Eurozone im April leicht gestiegen ist (0,7% auf Jahresbasis nach 0,5% im März), gibt ein Stück Entwarnung. Nun ergeben zwei Monatszahlen noch keinen Trend. Aber auch im Vergleich mit der Inflationsrate vor einem halben Jahr (0,7% im Oktober 2013) erkennt man keinen negativen Trend.

Es stellt sich auch immer wieder die Frage, warum Deflation überhaupt so gefürchtet ist. Klar, wir haben ein sehr negatives Beispiel. Von 1929 bis 1933 fielen die Preise in Deutschland um rund 23% und das Land befand sich damals in einer Wirtschaftskrise, wie wir sie seitdem nicht mehr erlebt haben.

Tatsächlich hat Deflation negative Folgen. Deflation erhöht den Realzins. Wenn die Preise z.B. um 2% fallen, der Zins aber bei 1% liegt, ergibt sich ein Realzins von 3%. Das schreckt zunächst Unternehmen davon ab, Kredite für neue Investitionen aufzunehmen. Auch Konsumenten könnten von Kreditkäufen abgeschreckt werden. Hier ist allerdings der Effekt geringer. Die Lohnsätze sind unflexibler als die Güterpreise. Darum werden Konsumenten (zurecht) nicht gleich ein niedrigeres Nominaleinkommen erwarten, wenn Deflation herrscht.

Das heißt dann aber auch, dass die Reallöhne durch Deflation steigen. Und das kann sogar den Konsum ankurbeln. Umso mehr als die Vermögenspreise nicht ebenfalls fallen. Und zur Zeit steigen die Aktienmärkte wieder, die Immobilienmärkte sowieso. Damit bekommen die Konsumenten einen weiteren Grund, sich reicher zu fühlen und mehr auszugeben.

Die negativen Effekte einer Deflation werden also durch den Einkommenseffekt teilweise ausgeglichen. Andererseits kann eine Deflation aber auch sich selbst verstärken. Das ist dann der Fall, wenn Verbraucher und Unternehmer eine Deflation fest einkalkulieren. Dann warten sie – wo möglich – lieber mit ihren Kaufentscheidungen, die Preise werden ja eh immer billiger.

Wie schon geschrieben, die letzte große Deflation fand in Deutschland Anfang der 30er Jahre statt. Für die Leute heute liegt Deflation außerhalb ihres Erfahrungshorizontes. Darum werden auch Deflationserwartungen, die zu einer Deflationsspirale führen können, nicht von heute auf morgen entstehen. Dazu bräuchte es erst einmal eine lange Phase relevanter Deflation.

Damit ist allerdings auch für Deflationspanik und Deflationshysterie vorerst kein Platz. Die EZB sollte das Thema sehr gelassen sehen.

Bild: EZB-Neubau bei Nacht (von Blueduck4711)

10 Kommentare

  1. Wieso bräuchte es denn „eine lange Phase relevanter Deflation“, damit wir in eine Abwärtsspirale aus Deflation und Kaufzurückhaltung geraten? Ein externer Schock könnte doch quasi über Nacht die Spirale in Gang setzen, die angeblich nicht droht, weil es die Daten nicht hergeben – auch und gerade weil dann auch den Anleiheninvestoren einfällt, dass die Tragfähigkeit der Schulden in einem Mix aus Deflation und wieder abbröckelndem Wachstum in der Peripherie gleich Null ist. In einer Phase, in der die Wirtschaft schwach wächst, der Euro stark ist, die Kreditvergabe stockt Gelassenheit zur Schau stellen, dürfte die Resilienz der Eurozone gegen einen Schock nicht eben steigern. Plus: Der Bundesbankchef hat bislang in der FAZ weder per Gastbeitrag noch Interview noch per Durchstechen klar gemacht, warum die ganzen Überlegungen Blödsinn sind. Stattdessen sickert durch, man trage die Maßnahmen mit. Das müsste selbst den stärksten Kritiker ins Grübeln bringen, dass die Sache ernst zu nehmen ist.

  2. @Christian Kirchner,
    nein, ich glaube, selbst ein externer Schock könnte heutzutage keine Deflationsspirale in Gang setzen. Wenn die Preise jetzt durch solch einen Schock um z.B. 2% fallen würden, würden die Leute nur denken, das sei ein Einmaleffekt. Kaum jemand würde in seine langfristigen Wirtschaftsplänen eine lang anhaltende Deflation einkalkulieren. Eben weil eine lang anhaltende Deflation außerhalb unseres Erfahrungshorizontes ist. Ohne Deflationserwartungen fällt aber auch die Deflationsspirale flach.
    Und Deflation mit steigenden Vermögenspreisen geht meiner Meinung nach schon einmal gar nicht.

  3. Erich sagt

    Eine Deflation kann auch dadurch vermieden werden, indem man jedem Einwohner der Währungszone die gleiche Menge neu gedruckten Geldes schenkt. Der Kauf von Anleihen führt nur zu einer Umverteilung von unten nach oben, da das neu gedruckte Geld damit im wesentlichen nur an die Assetbesitzer geht. Die unteren Einkommen werden auf jeden Fall einen höheren Anteil dieses neuen Geldes für die täglichen Güter, die für unsere Inflationsrate verantwortlich sind, ausgeben. Dies hat mit Sicherheit auch einen höheren konjunkturellen Effekt als die Inflationierung der Aktienpreise.

  4. Die EZB verschenkt allerdings nie Geld, sondern verleiht es höchstens. Aus praktischen Gründen verleiht sie es nur an Banken, die es dann weiterverleihen können. Dass die Banken dabei ein dickes Geschäft machen, ist eine andere Sache.

  5. T2014 sagt

    Es wird neimals eine deflation geben im Bereich der Lebenswichtigen Güter. Nie.

    Dier einzigen Bereiche, wo es eine Geben kann, sind Staatsanleihen (DAS ist es, was die Bankermafia fürchtet und warum sie heulen) und Technik-Spielzeuge. Das ist also keine reale oder relevante Deflation, sondern eine rein fiktive.

    Eine Deflation würde ich bei Nahrung, Energie usw. wichtigen Dingen nicht mal mit drei Promillen herbei träumen, das ist hanebüchener Unsinn und reine Volksverdummung. Wer so was verkauft, outet sich als Desinformant.

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  7. Häschen sagt

    Am langen Ende kann ein Crack Up Boom rauskommen so ich das Thema habe verstanden. Aber so schnell entsteht der auch nicht.

    Ich kenne nicht den exakten Ausdruck, aber wenn die Situation allen geht es gut die drinnen sind im Einkommensbezug und jene die draußen sind nicht mehr, dann gibt es eine nette Phase in denen sich die Einkommensbezieher freuen über mehr Kaufkraft. In Wahrheit aber läuft im Hintergrund der Verfall.

    Der Mensch gibt ungern vom Sparbuch an den Konsum ab, der Mensch finanziert den Lebensunterhalt aus dem laufenden Einkommen – Keynes – die Beobachtung deckt sich im Moment mit der Realität.

    @T2014 Doch. In dem sie ihre Einkäufe budgetieren und weniger kaufen. Man kann ja auch einen passgenauen Basket zu einem Einkommen zusammenstellen. Sie haben dann eine Inflation, wenn sie mehr ausgeben. Dass das jetzt mit dem Verständnis von Wealth/Wohlstand im Sinne des Materialismus zusammenpasst ist ein anderes Thema. Aber wieviel Spielzeug verrottet in Trommeln und wird nicht getauscht. Ruhige Kinder verkauft jedes Spielzeug. Entwertet ist es sowieso, sobald es nicht benutzt wird – der Materialwert ist vernachlässigbar zumeist.

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  9. Erich sagt

    > Die EZB verschenkt allerdings nie Geld, sondern verleiht es höchstens.
    So ganz korrekt scheint mir dies nicht zu sein. Wenn man http://yanisvaroufakis.eu/2014/05/11/how-the-greek-banks-secured-an-additional-hidden-e41-billion-bailout-from-european-taxpayers/ glauben mag, dann verschenkte die EZB 2013 immerhin 41 Mrd Euro an griechische Banken. Oder wie würden Sie dies verstehen, wenn Banken eine Kreditausfallrate von 40% haben (da wäre auch jede deutsche Bank pleite), diese Banken dann Bonds (Schuldscheine) auflegen, die sie aber selbst behalten, und durch die griechische Regierung abzeichnen lassen, und dann für diese bei der EZB frisches Geld bekommen. An sich hätte man so ein Vorgehen früher wohl strafrechtlich als Untreue verfolgt, aber in unseren heutigen Euro-Mafia-Gesellschaft ist dies wohl normal.
    Profitieren tun dabei natürlich die Anleger bei diesen Banken, so dass diese nicht wie in Zypern einen großen Teil ihrer Guthaben verlieren. Das heisst, dass letztlich diejenigen mit großen Guthaben am meisten profitieren, und die kleinen Leute ohne Guthaben gar nicht.

  10. @Erich,
    ja, ich glaube, das sind die ELA-Kredite, also die Notfallkredite an griechische Banken. Eine ziemliche Sauerei, was da abgelaufen ist.

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