Alle Artikel in: Wirtschaftswurm-Blog

Wider die naiven Produktivitätsapostel

Immer wieder gibt es diese Stimmen, die den demografischen Wandel/ die Alterung der Gesellschaft als völlig unproblematisch ansehen. Bezeichnend dafür ist z. B. Albrecht Müller von den Nachdenkseiten oder auch der Weissgarnix-Autor Frank Luebberding. Für sie sind alle Warnungen, die Zukunft der gesetzlichen Rente stehe auf dem Spiel, nur Teil einer gigantischen PR-Kampagne zugunsten der privaten Versicherer und ihrer Modelle wie der Riesterrente. Ach wäre die Welt doch so einfach! Diese Hoffnung haben viele und sie glauben darum gerne das „Alles wird gut“-Mantra von Müller, Luebberding und anderen. Im Grunde genommen sitzen sie damit aber nur einer weiteren Verschwörungstheorie auf. Im Gegensatz zu völlig obskuren Verschwörungstheorien benutzt ihre immerhin ein bedenkenswertes ökonomisches Argument: Die Arbeitsproduktivität werde auch in Zukunft steigen. Immer weniger Leute können damit immer mehr herstellen. Darum werde es kein Problem sein, wenn in Zukunft weniger Junge mehr Alte über die Rentenversicherung zu versorgen haben. Dieses Argument hat jedoch zahlreiche Schwachstellen. Immer wieder faszinierend zu beobachten ist, wie dieselben Leute, die im ersten Satz noch die angebliche Unsicherheit demografischer Prognosen herausstellen, im nächsten Satz …

Angstmacher Jens Witte

Was wäre, wenn? Darüber lässt sich natürlich immer trefflich streiten. Aber was Jens Witte auf SPON über den „D-Mark-Alptraum“ schreibt, ist teilweise haarsträubend unplausibel. Darüber muss man streiten. Aber eines vorweg: Wie im Artikel „Euro am Ende?“ geschrieben, glaube ich nicht an den großen Euro-Zusammenbruch und die Wiedereinführung der D-Mark, sondern an einen kleinen Euro-Zusammenbruch, das Ausscheiden von Spanien, Portugal und Griechenland aus der Eurozone. Die Wirtschaft dieser Länder läuft nicht im Eurotakt, darum müssen sie raus. Mein Szenario unterstellt allerdings eine gewisse Einsichts- und Lernfähigkeit der Politiker. Ich hoffe einfach, dass die europäischen Politiker früh genug erkennen, dass man sich von den drei Mittelmeerländern verabschieden muss. Sollten die Politiker aber tatsächlich noch dümmer sein als angenommen und sollten sie zulange an einem 16-Länder-Euro festhalten, dann könnte es vielleicht wirklich irgendwann für den Euro insgesamt zu spät sein. Dann wird er uns um die Ohren fliegen. Aber selbst das wäre nicht die große Katastrophe, die Jens Witte im Artikel „D-Mark-Alptraum“ an die Wand malt. Gehen wir mal seine Thesen durch: „Eine neue Währung kostet viel …

Euro am Ende?

„Game over für den Euro“, schreibt Thomas Strobl alias Weißgarnix in seinem Blog. Und ein bisschen wundern mich seine europessimistischen Töne schon. Denn schon häufig hat sich Strobl als Schuldenfetischist geoutet und daher dachte ich, er müsse sich gegenwärtig sehr wohl fühlen, verkündet Irland doch ein Rekorddefizit, während es immer unwahrscheinlicher wird, dass Portugal und Griechenland ihre Schulden spürbar abbauen. Tatsache ist allerdings, dass Länder wie Griechenland und Portugal gegenwärtig eine restriktive Fiskalpolitik betreiben/ betreiben müssen, die vielleicht in Deutschland angebracht ist, in diesen Ländern jedoch gar nicht zur wirtschaftlichen Lage passt. Das zeigen die Wirtschaftsprognosen des IWFs für die Euroländer 2010/11 in der nachfolgenden Tabelle. (Die fünf kleinen Euroländer habe ich weggelassen.) Staat Prognose Wirtschaftswachstum 2010 Prognose Wirtschaftswachstum 2011 Belgien +1,6 % +1,6 % Deutschland +3,3 % +2,0 % Finnland +2,4 % +2,0 % Frankreich +1,6 % +1,6 % Griechenland -4,0 % -2,6 % Irland -0,3 % +2,3 % Italien +1,6 % +1,7 % Niederlande +1,8 % +1,7 % Österreich +1,6 % +1,6 % Portugal +1,1 % +0,0 % Spanien -0,3 % +0,7 % Auch im Jahr 12 des Euro bestehen schwerwiegende Unterschiede in der wirtschaftlichen Entwicklung zwischen den einzelnen Staaten. So beträgt die Wachstumsdifferenz …

Portugal ist der Nächste

Das kommt uns doch alles bekannt vor. So meint der Eurogruppenvorsitzende Jean-Claude Juncker laut Handelsblatt: Die Krise Irlands werde nicht auf Portugal übergreifen. Die Situation der beiden Länder sei nicht direkt vergleichbar … Portugal unternehme außerdem große Sparanstrengungen, um sein Haushaltsdefizit unter drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts zurückzuführen. Portugals Regierunschef Socrates sieht das selbstverständlich genauso: „Wir haben niemals eine Immobilienblase gehabt, und unser Haushalt ist mit dem irischen nicht zu vergleichen.“ Nach der Griechenland-Krise war allerdings monatelang Ähnliches über Irland zu hören. Irland sei ganz anders als Griechenland, Irland sei reich, habe nie mit Zahlen getrickst und überhaupt … Und nun kommt Irland trotzdem nicht mehr ohne Kredite aus dem Euro-Stabilitätsfonds aus. Beschwichtigende Stellungnahmen von Politikern sind ein guter Indikator dafür, dass es brodelt. Und es brodelt tatsächlich in Portugal. Der heutige Generalstreik im Land zeigt das ebenfalls. Aber schauen wir uns die Zahlen an. Das Haushaltsdefizit lag 2009 bei 9,3 % des BIPs und wird dieses Jahr wohl bei 7,3 % des BIPs liegen. Das ist hoch, aber immerhin deutlich unter den Werten Griechenlands und Irlands. Der …

Bitte zahlen! Und bitte ohne Diskussion!

Eine Zeit lang galt Irland als Musterschüler. Schon mit Beginn der Finanzkrise 2008 setzte die irische Regierung drastische Ausgabenkürzungen durch: Kindergeld, Arbeitslosengeld und andere Sozialleistungen wurden gekürzt, selbst die Gehälter der im öffentlichen Dienst Beschäftigten beschnitt man um 14 %. Nur die Unternehmen blieben unangetastet, sie müssen nach wie vor lediglich 12,5 % Steuern auf den Gewinn zahlen. Das fand im Ausland Beifall und auch die deutschen Medien verbreiteten bis vor ein paar Wochen meist Optimismus, wenn es um Irland ging. Typisch z. B. ein Beitrag von Brigitta Moll für die Deutsche Welle mit dem Titel „Irland wird den Sturm überstehen“ – veröffentlicht am 1. Oktober. Da war allerdings schon bekannt, dass die Anglo Irish Bank neue Staatsgarantien in Höhe von 34 Milliarden Euro braucht. Gleichzeitig mit den Ausgabekürzungen begann Irland nämlich Geld in sein marodes Bankensystem zu pumpen. Die Zahlen sind in sich widersprüchlich, aber laut Handelsblatt wird Irland alles in allem 70 Milliarden in seine Banken stecken müssen, um sie zu retten. Das sind nicht weniger als 44 % des BIPs der Inselwirtschaft. Bei solchen Zahlen nützt …

Kämpft Merkel in Seoul für die Rentner von morgen?

Natürlich war es klar, dass aus dem Vorschlag von US-Finanzminister Geithner, Ungleichgewichte in der Leistungsbilanz eines Staates strikt zu begrenzen, nichts geworden ist. In der Abschlusserklärung des G-20-Gipfels wird darüber nichts zu finden sein. Zu stark sind die gegenläufigen Interessen aus den Exportnationen China, Japan und Deutschland. Es fragt sich allerdings, ob Bundeskanzlerin Merkel und Chinas Präsident Hu Jintao ihren Ländern wirklich einen guten Dienst erwiesen haben oder ob sie nur den kurzfristigen Lobbyinteressen ihrer Exportindustrien gedient haben. Ich glaube ja eher letzteres, während Charles Wyplosz auf Ökonomenstimme einen dauerhaften deutschen Leistungsbilanzüberschuss mit durchaus bedenkenswerten Gründen rechtfertigt. Er argumentiert auf der folgenden Linie: Dass Deutschland mehr exportiert als importiert, bedeutet nichts anderes als dass ein Teil der Einnahmen aus unseren Exporten im Ausland verbleibt. Sie werden dort angelegt, also gespart, anstatt für den Konsum ausgegeben. Genau dies ist aber richtig in einer alternden Gesellschaft. Wir konsumieren jetzt weniger als wir produzieren, um in der Zukunft, wenn wir mehr Alte und weniger erwerbstätige Junge haben, mehr konsumieren zu können als zu produzieren. Die Frage ist allerdings, …

Bedingungsloses Grundeinkommen – das Ende der Arbeit?

Der Linzer Ökonom Friedrich Schneider hat im Auftrag des dm-Gründers Götz Werner eine Studie zum bedingungslosen Grundeinkommen erstellt und die Reaktionen darauf sind teilweise vernichtend. Aber nicht jeder Einwand ist gerechtfertigt. Doch fange ich erst einmal mit der gerechtfertigten Kritik an. In der Tat ist es methodisch unsauber, Bürger über ihre Ansichten zum bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) zu befragen, dabei aber nichts zur Höhe und auch nichts zur Finanzierung eines solchen Grundeinkommens zu erzählen. Die Vorschläge für ein BGE reichen immerhin von 600 € plus Krankenversicherung beim ehemaligen thüringischen Ministerpräsidenten Althaus bis hin zu 1500 €, wie es 50.000 Bürger in einer Petition an den Bundestag fordern. Die Grundsätze eines bedingungslosen Grundeinkommens sind allerdings klar definiert. Es muss 1. individuell, unabhängig von der Haushaltsgemeinschaft, in der man wohnt, ausbezahlt werden, 2. existenzsichernd sein, 3. ohne Bedürftigkeitsprüfung gezahlt werden und 4. beinhaltet es keine Arbeitsverpflichtung. Schneider geht zudem davon aus, dass es so hoch sein soll, dass es „auch die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben“ ermöglicht. Vorausgesetzt die Grundsätze wurden den Befragten verständlich gemacht, kann man bei allem Vorbehalt die …

Das Trilemma der internationalen Ökonomie

Der nächste G-20-Gipfel steht an, am Donnerstag und Freitag in der koreanischen Hauptstadt Seoul. Trotz aller Gipfelrituale könnte es einer der spannendsten Gipfel der letzten Jahre werden. Denn der Handlungsdruck ist inzwischen so groß wie die Interessenkonflikte. Die USA suchen verzweifelt nach Möglichkeiten, ihre Leistungsbilanz in Ordnung zu bringen. Bewusst nehmen sie dafür einen billigen Dollar in Kauf, während sie gleichzeitig mit dem Finger auf die Chinesen zeigen, die ihrerseits ihre Währung künstlich verbilligen. Auf der anderen Seite steht aber nicht nur China, sondern auch Schwellenländer wie Brasilien. Diese Länder müssen das herumvagabundierende Kapital, das heute in diese Schwellenländer strömt, morgen aber vielleicht schon wieder woandershin, bändigen. Sie versuchen dies mit Kapitalverkehrskontrollen, aber auch mit dem Aufbau von Devisenreserven. Beides verbilligt die Währungen dieser Länder. Den Stein der Weisen, der all diese Probleme löst, gibt es nicht. In der aktuellen Diskussion blieb es bisher dem Economist vorbehalten, auf das grundsätzliche Dilemma jeder Geld- und Währungspolitik hinzuweisen, das in diesem Fall sogar ein Trilemma ist. Es besteht darin, das man nicht gleichzeitig eine stabile Währung im …

Kann eine lockere Geldpolitik Amerikas Wirtschaft helfen?

Zu viel? Zu wenig? Eigentlich scheißegal, was die FED macht? Das neue Programm der FED beinhaltet den Ankauf amerikanischer Staatsanleihen in Höhe von voraussichtlich 600 Milliarden $ und die Meinungen über diese Lockerung der Geldpolitik („quantitative easing 2“ ) gehen weit auseinander. Berkley-Ökonom DeLong hat ausgerechnet, dass die Maßnahmen der FED gerade einer Zinssenkung von 0,01 % entsprechen. Auch Paul Krugman hält das Ganze für einen müden Witz. Und Untergangsökonom Nouriel Roubini prophezeit über Twitter schon ein „quantitative easing 3“ und ein „QE 4“, weil Nummer 2 nicht wirken wird. Auf der anderen Seite warnen die Ökonomen Martin Feldstein und Alan Meltzer davor, dass neue Preisblasen entstehen werden, wenn weiterhin so viel Geld in die Wirtschaft gepumpt wird. Eine eher skeptische Analyse, der ich weitgehend zustimmen kann, findet sich auch bei Credit Writedowns. Die Autoren heben nicht so sehr auf den Umfang des Programms ab, sondern auf das Mittel. Und dabei geht es ihnen nicht nur um den problematischen Ankauf von Staatsanleihen. (Nicht umsonst ist dieses Instrument der EZB verboten, verführt es doch Staaten zu einer …

Wirtschaftswachstum mal langfristig

Als Wirtschaftswurm lebe ich ja in einer Welt der Zahlen: die Arbeitslosenzahlen vom Oktober, die Außenhandelszahlen des dritten Quartals, Daten über die Industrieproduktion oder die Staatsschulden, dazu jeden Tag neue Wechselkurse. Und schließlich die Zahl der Zahlen, das Bruttoinlandsprodukt (kurz BIP) oder frei nach Tolkien im „Herr der Ringe“: Die Zahl sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden. Die Wirtschaftsmedien quillen über vor Zahlen. Veröffentlicht werden Monats- und Quartalszahlen, manchmal auch Jahresdaten. Doch bei langfristigen Daten herrscht Fehlanzeige. Auch im Internet ist es schwer, langfristige Zahlen selbst über das Bruttoinlandsprodukt zu finden. Wer langfristig denken will, muss sie darum selbst ausrechnen. Und das habe ich gemacht. Achtung! Dieser Artikel ist veraltet. Es gibt einen aktualisierten und erweiterten Artikel: Wirtschaftswachstum und Lebensstandard langfristig gesehen (2004-14) Ich habe für die 25 Staaten mit der größten Wirtschaft (dem größten BIP in US-$ 2009) das Bruttoinlandsprodukt des vergangenen Jahres, also 2009, mit dem von 1999 verglichen.  Grundlage waren die Daten des IWF. Ausgerechnet habe ich die 10-Jahres-Wachstumsrate 1999-2009 und herausgekommen ist …