Alle Artikel in: Wirtschaftswurm-Blog

Keine Hektik mehr um die Fotovoltaik (II)

In Teil I dieses Artikels bin ich bereits auf einige Kritikpunkte des Magdeburger Wirtschaftsprofs Joachim Weimann an der deutschen Fotovoltaikförderung eingegangen, etwa auf seine Aussagen zum Emissionshandel. Im FAZ-Interview macht uns Weimann aber vor allem Angst vor den langfristigen Kosten der Fotovoltaikförderung. Zunächst einmal: Die Einspeisevergütung für bereits Strom produzierende Fotovoltaikanlagen ist rechtlich für 20 Jahre abgesichert. Auch noch so hektische Betriebsamkeit von Umweltminister Röttgen und weitere Sonderkürzungen der Vergütung werden hier keine Einsparungen erwirken. Die Einspeisevergütung für bestehende Anlagen dürfen wir als versunkene Kosten abhaken. Auf sie wirkt nur noch die Geldentwertung. Sie sind nicht mehr entscheidungsrelevant, wenn man die Einspeisevergütung für neu installierte Anlagen festlegt. Was die Einspeisevergütung für neue Anlagen anbelangt, bleibe ich bei meiner Forderung von letzter Woche, dass Absenkungen langfristig geplant werden sollten. Das schafft Investitionssicherheit. Auch ohne radikale Schnitte werden die zukünftigen zusätzlichen Kosten der Fotovoltaikförderung schnell sinken. Dazu später mehr. Ich möchte zunächst meinen ersten Vorschlag etwas modifizieren. Statt einmal im Jahr um 8 % sollte die Vergütung viermal im Jahr um 2 % gesenkt werden. Warum? Nun, …

Muss Google enteignet werden?

Peter Ehrlich vom Brüsseler Büro der Financial Times Deutschland glaubt das zumindest. Wahrscheinlich ist es das erste Mal, dass ein Autor der FTD eine Enteignung fordert. Premierenstimmung liegt also in der Luft. Und dann so etwas! Ich muss mich den Bloggern Weissgarnix und Marcel Weiss anschließen und sagen: An Ehrlichs Begründung hapert es ziemlich. (Leider, leider, denn eine Enteignung Googles wäre eine spaßige Sache.) Okay, Google hat ein Quasimonopol auf die Internetsuche. Die Frage ist allerdings, ob es sich um ein natürliches Monopol handelt oder um ein vorübergehendes Monopol, das aufgrund einer technologischen Führungsstellung erreicht wurde. Bei natürlichen Monopolen ist der Wettbewerb dauerhaft ausgeschaltet. Ein Beispiel für ein natürliches Monopol ist der Betrieb eines Stromnetzes. Hier ist es sinnvoll, über Enteignung zu diskutieren. Anders bei Monopolen aufgrund technologischer Führungsstellung. Der Monopolist kann hier jederzeit von einem (neuen) Wettbewerber angegriffen werden, der in Forschung und Entwicklung investiert. Wenn die Technik des Wettbewerbers überlegen ist, hat er gute Chancen, den Platzhirsch zu besiegen. Garantiert ist es natürlich nicht, denn der bedrängte Marktführer ist gut beraten, seine Technologie …

Keine Hektik mehr um die Fotovoltaik (I)

Die FAZ fährt offensichtlich im Moment eine Kampagne gegen die Fotovoltaik. Auch heute findet sich wieder auf FAZ.net ein kritischer Artikel zur Einspeisevergütung; dieses Mal ein Interview mit dem Wirtschaftsprof Joachim Weimann aus Magdeburg. In zwei Punkten muss ich Weimann immerhin Recht geben: Die Forschungsleistung im Bereich Fotovoltaik ist zu gering. Klimaschutz nur in Deutschland/ Europa bringt wenig, wenn die Schwellenländer nicht mitziehen. Punkt 1 würde sich allerdings durch mehr öffentliche Forschungsförderung erledigen. Auch Punkt 2 birgt kein unlösbares Problem. Aufmerksame Leser des Wirtschaftswurms kennen bereits den Vorschlag einer Ausgleichssteuer, mit der man die Schwellenländer zum Mitmachen bewegen kann. Widerspruch ist notwendig, wenn Weimann auf den CO2-Emissionshandel als allein selig machend in Bezug auf den Klimaschutz vertraut. Hier spricht der Theoretiker. Die Praxis zeigt allerdings, dass der EU-Emissionshandel (zumindest bisher) nicht funktioniert. Auch der jüngste Skandal um von Hackern gestohlene Emissionsrechte machte das deutlich. Als unfreiwillige Ironie muss man werten, dass Weimann den Emissionshandel gerade dann als „Königsweg“ lobt, als er für viele europäische Länder einschließlich Deutschlands auf unbestimmte Zeit eingestellt ist. Widerspruch ist auch …

Immer Hektik um die Fotovoltaik

Wenn 2018 die letzten Zechen in Deutschland schließen, dann ist das auch das Ende einer 60-jährigen Geschichte staatlicher Kohlebeihilfen in den verschiedensten Formen. Diese Geschichte war sicherlich 30 Jahre zu lang. Die Fotovoltaik, das ist absehbar, wird keine 60 Jahre Beihilfen brauchen. Und am Ende der Beihilfen wird nicht das Ende der Branche stehen, sondern eine Massentechnologie, die allen Unkenrufen über das deutsche Wetter zum Trotz auch hierzulande das Potenzial hat, 20-30 % des Strombedarfs zu decken. Man braucht allerdings schon einen langen Atem. Und das ist etwas, das in der Politik heute offenbar selten geworden ist. Umweltminister Röttgen hat nun für den Juli abermals eine Sonderkürzung der Einspeisevergütung für Solarstrom angekündigt. Es wird die dritte Sonderkürzung und die fünfte Kürzung insgesamt der schwarz-gelben Koalition. Die Höhe der Kürzung soll vom Zubau in den Monaten März bis Mai abhängen und bis zu 15 % betragen. Gegenüber Ende 2009 läge damit die Einspeisevergütung Mitte 2011 44 % niedriger. Aber es gibt Melanie Amann und die FAZ, die die Realität völlig auf den Kopf zu stellen vermögen. Der Titel …

Die EZB muss nun gegensteuern

Man sollte es sich nicht komplizierter machen als nötig. Im Dezember lag die Inflationsrate in der Eurozone bei 2,2 %. Damit wurde das offizielle Inflationsziel der Europäischen Zentralbank verfehlt, nach dem die Preise zwischen 0 und 2 % jährlich wachsen sollen. Die EZB sollte darum nun handeln. Es ist klar, dass die Dezemberzahlen kein einmaliger Ausrutscher sind. Das Geld, das seit Beginn der Finanzkrise von der Zentralbank und den Regierungen in die Wirtschaft gepumpt wurde, ist endlich beim Verbraucher angekommen. Und das wissen die Unternehmen zu nutzen. Sie beginnen, die Preise zu erhöhen. Sowohl Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, als auch Marco Bargel, selbiges bei der Postbank, rechnen darum mit einem weiteren Anstieg der Inflation und halten Werte von 4 % in den nächsten Jahren in Deutschland für möglich. Gut, drei Ökonomen vier Meinungen. Und so hält Jörg Krämer von der Commerzbank dagegen. Er verweist auf die so genannte Kerninflationsrate, die noch niedrig liegt. Die Kerninflationsrate ist aber nur ein besonders gewitztes Stück unter dem Motto: „Wie fälsche ich eine Statistik.“ Man rechnet Lebensmittel- und Energiepreise …

Aufschwung ohne Ende?

Nach fünf Monaten Wirtschaftswurm-Blog ist es endlich einmal an der Zeit, den Namen des von Amts wegen zuständigen Ministers zu erwähnen: Es ist Rainer Brüderle. Zu seinen Pflichtaufgaben als Bundeswirtschaftsministers gehört insbesondere der Optimismus. Brüderle steht in dieser Hinsicht zur Zeit sogar in doppelter Pflicht: Schließlich ist Wahlkampf und seine FDP dümpelt in Umfragen bei kläglichen 3 %. Allerdings sollte auch Optimismus nicht allzu dümmlich daherkommen. Dann wird er unglaubwürdig. Und wenn Brüderle vom „Aufschwung ohne Ende“ redet, hat er diese Hürde eindeutig gerissen. Noch peinlicher ist nur, dass auch eine Zeitung wie die Frankfurter Rundschau das Geplapper des Weinkenners unkritisch wiedergibt. Okay, ein kurze Google-Suche zeigt, dass die FR hier nur einen Agenturtext online gestellt hat, der sich auch auf den Seiten verschiedener deutscher Tageszeitungen wiederfindet. Ob das die Sache besser oder schlechter für die FR macht, mag jeder Leser selbst entscheiden. Immerhin findet man auf den Nachdenkseiten auch einen kritischen Kommentar. Unter der Überschrift „‚Aufschwung XXL’-Kampagne geht weiter“ legen die Autoren die Finger in die richtigen Wunden. Zumindest weitgehend.  Denn dass sie das Wachstum …

Verkehrsmaximum erreicht

Der motorisierte Personenverkehr nimmt in den hochentwickelten Staaten der Erde auch bei steigendem Bruttoinlandsprodukt nicht mehr zu. Zu diesem Schluss kommen die beiden Forscher Adam Millard-Ball und Lee Shipper von der Stanford University. In ihrer Studie werteten sie zahlreiche Verkehrsdaten aus so verschiedenen Ländern wie den USA, Japan, Großbritannien, Kanada, Australien und Schweden aus. Dabei betrachteten sie den Autoverkehr ebenso wie den mit Bus, Bahn und Flugzeug. Die Summe all der vielen Einzeldaten zeigt die nachfolgend verlinkte Grafik mit Daten aus den Jahren 1970 bis 2006/07. Dargestellt werden die mit motorisierten Verkehrsmitteln zurückgelegten Kilometer pro Kopf in Abhängigkeit vom Bruttoinlandsprodukt pro Kopf (in US-$ von 2000 nach Kaufkraftparitäten umgerechnet). In allen sechs untersuchten Ländern (und nicht nur dort) gab es einen über Jahrzehnte anhaltenden Trend zu einem immer größeren Verkehrsaufkommen. So überrascht zunächst, dass dieser Trend in den ersten Jahren dieses Jahrhunderts durchbrochen wurde. Die Zahl der Fahrgastkilometer stagniert seitdem. Der Stopp stellte sich auf sehr unterschiedlichem Niveau ein. Die US-Amerikaner legen im Durchschnitt mehr als 2 ½ mal so viel Kilometer zurück wie die …

Kommunismus

Sommer 1989 beim Feierabendbier irgendwo in der damaligen Tschechoslowakei. Mein älterer tschechischer Saufkumpane schimpft seit einer halben Stunde auf die Regierung und die herrschende kommunistische Partei. Dann kommt ein Satz, der mich verblüfft: „Ihr im Westen, ihr seid schon viel weiter auf dem Weg zum Kommunismus.“ Es entwickelt sich eine angespannte Diskussion. Mein Gegenüber erklärt mir die marxistische Geschichtsauffassung, nach der alles auf den Kommunismus hinausläuft. Ich, der junge Student und Praktikant aus Westdeutschland, sammle mein Schulwissen zusammen und erkläre, dass es kein Endziel der Geschichte gibt. Eine Annäherung kommt nicht zustande. Der Graben zwischen den unterschiedlichen Sozialisationen ist zu tief. Gesine Lötzsch, die zur Zeit mit ihrem Artikel „Wege zum Kommunismus“ Furore macht, gehört wohl zu denen, die mit dem Kommunismus sozialisiert wurden. Aber diese Spezies stirbt langsam aus. Inzwischen können auch viele jüngere im Osten, gleich ob links oder rechts, mit diesem Begriff nichts anfangen. Gesine Lötzsch hat ihrer Partei mit ihrem Artikel sicher nicht geholfen. Und es ist gut so, wenn der Begriff Kommunismus bald entsorgt wird. Denn Kommunismus ist weder wünschenswert …

Flattr

Ist es schon jemandem aufgefallen? Seit gestern gibt es neben dem Twitter-Button und dem Facebook-Button noch eine dritte Schaltfläche unter jedem Wirtschaftswurm-Artikel. Durch einen Klick auf Flattr kann man nicht nur zeigen, dass einem der Artikel gefällt, sondern mir gleichzeitig ein Trinkgeld zukommen lassen. Es ist ja so: Genauso wie der Mensch nicht allein vom Brot lebt, lebt der Wirtschaftswurm nicht allein von Wirtschaftsnachrichten. Und für das Andere ist jeder Euro oder Cent willkommen, ja, wer die schwierige Situation vieler freier Journalisten wie mich kennt, ahnt, sogar notwendig. Das Prinzip von Flattr ist denkbar einfach. Man registriert sich auf flattr.com und überweist dann online einen bestimmten Betrag auf sein Flattr-Konto. Außerdem bestimmt man, wie viel man im Monat aufwenden will. Ab 2 € pro Monat beginnt bereits der Spaß. Nun kann man gute Artikel einfach durch einen Klick auf den Flattr-Button belohnen. Die Klicks werden von Flattr gezählt und am Ende des Monats wird der gewählte Monatsbeitrag anteilig entsprechend der Zahl der Klicks auf die Anbieter (Blogger, Musiker und andere) verteilt. Die Erfahrung anderer Blogs …

Soziale Gerechtigkeit im Detail: Armutsquote und Langzeitarbeitslosigkeit

Im Artikel „Soziale Gerechtigkeit zusammengerührt“ habe ich begründet, warum ein allgemeiner Indikator der sozialen Gerechtigkeit wenig sinnvoll ist. Viel interessanter als solch eine Generalzahl sind die weniger durch den Fleischwolf gedrehte Einzeldaten. Die in dieser Woche vorgestellte Bertelsmann-Studie zur sozialen Gerechtigkeit hat immerhin in dieser Hinsicht einiges zu bieten. Nur zwei Daten möchte ich mir aus ihr herauspicken. Diese sind aber besonders aussagekräftig: die Armutsquote und die Quote der Langzeitarbeitslosen. Fangen wir mit der Armutsquote an. Sie gibt an, wie groß der Anteil derjenigen ist, deren Einkommen geringer ist als die Hälfte des mittleren Einkommens (Medianeinkommens). Die Armutsquote liegt in Deutschland bei 9,5 %, was gerade für den 16. Platz unter den 31 OECD-Ländern reicht. Dänemark und Schweden schneiden mit 5,3 % erheblich besser ab. Auch in Österreich gelten nur 6,6 % der Bevölkerung als arm. In der Schweiz sind es 8,7 %; das ist immer noch etwas weniger als in Deutschland. Ein schwacher Trost für uns Deutsche, dass in der größten Volkswirtschaft der Erde, in den USA, der Anteil der Armen mit 17,1 % noch erheblich größer ist. …