Alle Artikel in: Wirtschaftswurm-Blog

Was hat die Anhörung vor dem Bundesverfassungsgericht gebracht?

Im Wiwo-Lunchtalk zeigte sich Marcel Fratzscher, Präsident des DIW, „schockiert“ über den Verlauf der Anhörung vor dem Verfassungsgericht. Doch was ihn schockiert, gibt mir Anlass zu Hoffnung. Viele Beobachter gehen davon aus, dass die Bundesverfassungsrichter Auflagen für die Käufe von Staatsanleihen durch die EZB (OMT – Outright Monetary Transaction genannt) formulieren werden. Denn aus den Experten-Stellungnahmen vor dem Bundesverfassungsgericht ging einmal mehr hervor, wie problematisch diese Käufe von Staatsanleihen durch die Notenbank sind. Von den befragten Ökonomen hielt neben Fratzscher nur EZB-Vertreter Jörg Asmussen in seiner Stellungnahme die Anleihekäufe für notwendig. Ausgangspunkt seiner Begründung sind Marktturbulenzen, die angeblich den Preis für Anleihen aus den Südländern unverhältnismäßig niederdrückten und so die Zinsen in die Höhe trieben. Hierdurch hätte die Zinspolitik der EZB in den Südländern nicht mehr gewirkt. Das OMT-Programm diene lediglich dazu, die Wirkungskanäle der Geldpolitik wiederherzustellen. In seiner eigenen Stellungnahme erwiderte Bundesbankchef Jens Weidmann allerdings richtig: Die Antwort auf die Frage, ob Anleger den Risikogehalt der Anleihen bestimmter Mitgliedstaaten zutreffend bewerten, ist in hohem Maße subjektiv. Genau dies folgt ja auch aus der Diskussion …

Die EZB will das Bundesverfassungsgericht für dumm verkaufen

Diese Schlussfolgerung ergibt sich zumindest aus der schriftlichen Stellungnahme der EZB für das Bundesverfassungsgericht. Morgen und übermorgen finden bekanntlich die Anhörungen vor dem Bundesverfassungsgericht statt. Die Kläger wenden sich nun nicht mehr nur gegen den ESM, auch die Anleihekäufe der EZB (OMT genannt) und die Targetsalden sind Thema. In ihrer schriftlichen Stellungnahme tritt die EZB den Einwänden aber unter anderem mit folgendem Argument entgegen: Die durchschnittliche Inflation habe im Zeitraum von Januar 1999 bis November 2012 bei 2,06% gelegen und damit sei das Ziel erreicht, mittelfristig eine Preissteigerungsrate von unter, aber nahe 2 % beizubehalten. Man wundert sich nur. Zum einen liegt 2,06 % zwar vielleicht nahe bei, aber, wenn mich die Erinnerungen an meine Mathestunden nicht trügen, keinesfalls unter 2 %. Diese Abweichung mag unwichtig sein, dazu gleich mehr. Aber zu behaupten 2,06% liege unter 2 % ist schon dreist. Will man der Aussage überhaupt irgendeinen Sinn abgewinnen, dann wohl nur den, den Leser schon gleich auf Seite 6 einer 52-seitigen Stellungnahme so zu verwirren, dass er danach auch jeden anderen Unsinn hinzunehmen bereit …

Griechenlands angeblicher Aufschwung

Den Wiwo-Artikel „Griechenland schuftet fürs Comeback“ wie auch einige andere positive Berichte über das Land in letzter Zeit mag ich nicht unkommentiert lassen. Das fängt schon mit der Frage an, wer bitte schön bei einer Arbeitslosenquote von 27% überhaupt noch schuften darf in Griechenland. Als Wiwo-Schreiber interviewen wir aber besser keine Arbeitslosen, die können wir mit dem Satz abhaken: „Streiks und gewaltsame Proteste sind weitgehend abgeebbt.“ Besser, wir lassen den griechischen Ministerpräsidenten Samaras zu Wort kommen: „Jene, die noch vor einem Jahr auf Griechenlands Abschied vom Euro wetteten, setzen jetzt auf den Erfolg des Landes.“ Okay, Ministerpräsident Samaras macht also seinen Job und zu diesem Job gehört es, optimistische Reden zu halten. Eine Meldung ist das nicht unbedingt wert; zumal die griechische Regierung bereits verstärkt seit Anfang des Jahres versucht, die Lebensgeister der griechischen Wirtschaft zu beschwören. Siehe „Griechenland hofft auf Ende der Rezession“ vom Handelsblatt Anfang April oder „Griechenland hofft auf Wachstum“ von der Süddeutschen im Januar. Manche vorgetragenen Fakten, die den Optimismus unterstützen sollten, entpuppten sich in der Vergangenheit außerdem als Nullnummer. So …

Mäuse in Bonn und Näherinnen in Bangladesch – der Zusammenhang

In Günther Jauchs letzter Talkshow gab es einen Einspieler zu einem interessanten Verhaltensexperiment des Bonner Ökonomen Armin Falk. Im Übrigen hatte letzte Woche schon die Zeit über dieses Experiment berichtet, dessen Ergebnisse in Science veröffentlicht worden waren. Märkte ruinieren moralische Standards, so das Untersuchungsergebnis. Aber ist das durch Falks Experiment wirklich erwiesen? Ein Teil der studentischen Teilnehmer am Experiment wurde vor die Wahl gestellt. Entweder sie erhielten 10 €, dann wurde allerdings eine überzählige Labormaus getötet, oder sie verzichteten auf das Geld, dann wurde die Maus von den Experimentatoren gekauft und artgerecht gehalten, so dass sie voraussichtlich noch zwei Jahre lebt. 45,9% der Teilnehmer entschieden sich für das Geld und damit für den Tod der Maus. Ein anderer Teil der Teilnehmer wurde einer Marktsituation ausgesetzt. Es gab jeweils einen „Verkäufer“, dem die Sorge um das Leben einer Maus anvertraut wurde, und einen Käufer, der 20 € zur Verfügung hatte. Wurden sich die beiden über die Verteilung des Geldes einig, bekam jeder den ausgehandelten Anteil und das Leben der Maus war besiegelt. Ohne Einigung verfiel dagegen …

Miese Arbeitsbedingungen in Bangladesch – die Lösungsangebote von Jauchs Talkshowgästen auf dem Prüfstand

Die Diskussion um Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie Bangladeschs, die nach dem Einsturz einer Fabrik Ende April mit über 1000 Toten begann, hat es nun bis in Günter Jauchs Talkshow gebracht. Zwar hat in der Runde gestern Abend ein ordnungspolitisch orientierter Volkswirt gefehlt, dafür wurden die Ökonomen unter uns mit einem Einspieler über eine interessante Studie des Experimentalökonomen Armin Falk entschädigt. Lösungsmöglichkeit 1 präsentierten die Unternehmer in der Runde, Sina Trinkwalder und Thomas Tanklay. Sie plädierten dafür, Textilien in Europa herstellen zu lassen. Diese Lösung würde zwar unser Gewissen entlasten, den Näherinnen in Bangladesch aber überhaupt nicht helfen – eher im Gegenteil. Trotz eines großen landwirtschaftlichen Sektors muss Bangladesch per Saldo Lebensmittel einführen und immer noch ist in dem dicht besiedelten Land Unterernährung verbreitet. Ohne Beteiligung am Welthandel und ohne Textilexporte käme es in Bangladesch wieder zu Hungersnöten, die viel mehr als 1000 Opfer fordern würden. Lösungsmöglichkeit 2 vertrat der Journalist Ranga Yogeshwar am vehementesten. Er möchte, dass Unternehmen wie KiK für ihre Lieferanten die Haftung übernehmen – und zwar „nach unseren gesetzmäßigen Möglichkeiten“. Diese Lösung …

Intellektuelle Elite oder verständliches Massenmedium? Das Dilemma der (Wirtschafts-)Blogs

Auf der re:publica 13 wurde unter anderem über Wirtschafts- und Finanzblogs diskutiert. Über Pfingsten bin ich noch einmal dazu gekommen, mir das Video dieser Diskussion anzuschauen und mir einige (weiterführende?) Gedanken zum Diskussionsthema „Finanzblogs: Intellektuelle Elite oder verständliches Massenmedium?“ zu machen. Tatsächlich ist die aufgeworfene Frage ja eine, die sich mir konkret auch beim Schreiben jedes einzelnen Blogartikels neu stellt. Was kannst du beim Leser voraussetzen? Wie tief sollst und kannst du in die Thematik einsteigen? Gut war, dass die Diskutanten ziemlich schnell geklärt hatten, dass es letztlich die Entscheidung jedes Bloggers selbst ist, wo auf der Linie zwischen intellektuellem Tiefgang und breiter Verständlichkeit er seine Texte verortet. Es gibt keinen Auftrag oder keine Verpflichtung der Blogger, die unzweifelhaften Defizite in der wirtschaftlichen Allgemeinbildung der Deutschen, die Schule und Wirtschaftsjournalismus gelassen haben, aufzuarbeiten. Recht hat Marc Schmidt von den Börsenbloggern (übrigens der Finanzblog-Award-Preisträger 2011), wenn er kritisiert, dass bei Finanz- und Wirtschaftsblogs gerne ein abgehobenes Niveau kritisiert wird, das man aber bei Auto-, Mode- und Techblogs widerspruchslos hinzunehmen bereit ist. Wer mit dem Anspruch an einen …

Spekulationsblasen: Finale der Ökonomenblogparade ÖBP

Am 12. Mai endete die Ökonomenblogparade mit dem Thema Spekulationsblasen. Wieder sind interessante Beiträge der Blogger zusammengekommen. Es gab zudem einige ausführliche Kommentare. Ein Überblick. Der Chaosökonom beschäftigte sich ausführlich mit der Frage, was Spekulationsblasen eigentlich sind. So lehnt er die Wikipedia-Definition ab, da sie davon ausgeht, dass es für Aktien oder Anleihen einen objektiven Fundamentalwert oder intrinsischen Wert gibt, und eine Spekulationsblasen dann vorliegt, wenn der Marktwert weit über diesem „wahren“ Wert liegt. Tatsächlich aber seien alle Werte nur subjektiv, ergeben sich durch die subjektiven Einschätzungen der Anbieter und Nachfrager auf dem Markt. Für den Chaosökonom ist es wichtig, festzuhalten, dass Spekulationsblasen entstehen, wenn sich „eine ganze Menge Leute“ über zukünftige Entwicklungen irren. „Ein großer Teil der Ausgaben/ Investitionen fließt“ dann „ in Güter , die sich später nicht rentieren.“ Im Übrigen glaubt er, dass der Häusermarkt in Deutschland bereits überbewertet ist. Die Herleitung des Chaosökonom zeigt immerhin, warum es so schwierig ist, Spekulationsblasen zu erkennen. Dazu müsste man nämlich die zukünftigen Entwicklungen genau wissen. Warum sich aber häufig viele Leute gleichzeitig irren, damit …

1. Preis gewonnen

Der Wirtschaftswurm ist Sieger des „comdirect finanzblog awards“ 2013. 40 Blogs hatten sich beworben. Und ich hatte es ja bereits (hier) bekannt gegeben, dass ich für den „comdirect finanzblog award“ als einer von neunen nominiert war. Gestern war dann die Preisverleihung auf der re:publica in Berlin in der vollbesetzten Halle 5. Und meine Freude war groß. Nachdem der dritte Preis an Christian Kirchner von menschen.zahlen.sensationen ging und der zweite Preis an Michael Schulte von Mr. Market vergeben wurde, durfte ich jubeln. Und feiern! Ulrich Hegge, Generalbevollmächtigter der comdirect, übergab mir den 1. Preis! Das ist eine schöne Anerkennung für über 2 1/2 Jahre Bloggen und eine gute Motivation für die nächsten Jahre. Auch die Kommentatoren hier im Blog dürfen sich eine kleine Scheibe von diesem Preis abschneiden. Der Sonderpreis ging übrigens an Olaf Storbeck, mit dem ich bereits zwei „Ökonomen live“ gemacht habe, und an Lothar Lochmaier. Ein paar Fotos der Veranstaltung findet man bereits hier. PS: Und hier kann man die Laudatio nachlesen.Geh nicht ohne Gruß, empfiehl bitte den Beitrag weiter!

Die Vollbeschäftigung kommt! Bloß wann und wie?

„Die Vollbeschäftigung kommt!“ Das verkünden FAZ und FAS diese Woche in ihrem Themenschwerpunkt. Und ich glaube sogar, dass sie recht haben werden. Doch bis es soweit ist, kann es noch lange dauern. Und wenn es dann soweit ist, wird es auch nicht so toll sein, wie es uns die FAZ (hier) ausmalt. FAZ-Redakteur Patrick Bernau setzt unter der Überschrift „Vollbeschäftigung? Unglaublich aber wahr“ vor allem auf die Demografie. Die geburtenstarken Nachkriegsjahrgänge gehen nun nach und nach in Rente. Die Nachwuchsjahrgänge, die neu ins Erwerbsleben treten, sind viel schwächer. So wurden 1947-71 mehr als 1 Million Kinder jedes Jahr in Deutschland geboren, 2011 waren es dagegen nur noch 660.000. Doch die Demografie wirkt nur langsam, sehr langsam. Der Jahrgang 1971 wird erst 2038 das Rentenalter erreichen. Das sind noch 25 Jahre. Zudem setzt das Szenario „Vollbeschäftigung durch Demografie“ voraus, dass die geburtenstarken Jahrgänge zwar nach und nach aus dem Erwerbsleben ausscheiden, aber als Rentner und Pensionäre weiterhin eifrig konsumieren und die gesamtwirtschaftliche Nachfrage hoch halten. Das kann noch schwierig werden. Natürlich könnte man Renten und Pensionen …

Verlängerung der Blogparade zu Spekulationsblasen

Noch mal in einem eigenen Beitrag, damit es nicht übersehen wird: Die Blogparade zu Spekulationsblasen wird noch bis zum 12. Mai verlängert. Ich komme in dieser und der nächsten Woche nicht dazu, die Zusammenfassung für das Finale zu schreiben. So bin ich z.B. am 6. und 7. auf der re:publika in Berlin (falls mich da einer treffen will). Aus meiner Not könnt ihr aber eine Tugend machen, indem ihr weitere Beiträge zum Thema schreibt.