Wirtschaftswurm-Blog

Nicht nur negative Zinsen: Das Ende des Kapitalismus?

EZB-Neubau bei Nacht

Viel einschneidender als der viel diskutierte negative Zins der EZB für Bankeinlagen sind zwei andere Beschlüsse der Notenbank von letzter Woche: die neuen langfristigen Operationen und ein mögliches weiteres Anleihekaufprogramm. Das Ende des Kapitalismus, wie von Thomas Straubhaar beschworen, droht trotzdem nicht.

Nach den Zinsentscheidungen der EZB vom letzten Donnerstag stand ein Punkt im besonderen Medieninteresse: der negative Zinssatz für Bankeinlagen. Banken, die Geld über Nacht bei der EZB parken, müssen dafür einen Zins von 0,1% bezahlen.

Das ist erst das zweite Mal auf der Welt, dass eine Zentralbank einen Zins für Geldanlagen bei ihr verlangt, statt einen Zins dafür zu zahlen. Es verwundert also nicht, dass sich die Medien mit ihrer Vorliebe für Kurioses und Außergewöhnliches auf diese Sache stürzen. Aber sachlich gerechtfertigt ist diese Fixierung nicht.

Negative Zinsen haben wir ja schon lange, nämlich negative Realzinsen. Die Zinsen für (weitgehend) risikolose Geldanlagen liegen bereits unter der Inflationsrate. Sparer machen mit solchen Geldanlagen also real Verluste. Diese finanzielle Repression ist relevant, nicht dagegen ein nun nominal negativer Zinssatz für die Banken.

Volkswirte sollten das eigentlich wissen. Umso mehr erstaunt mich, dass Thomas Straubhaar vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut nun „das Ende des Kapitalismus“ durch den negativen Zins der EZB in der „Welt“ heraufbeschwört. Seriös geht anders.

Dabei hat Straubhaar ja mit vielen seiner Befürchtungen recht. Negative Zinsen provozieren eine Verschuldungsmentalität. Es gibt nun Kredit auch für fragwürdige Projekte. Insbesondere Finanzblasen werden befördert.

Aber dies ist erstens nicht das Ende des Kapitalismus. Der hat bisher noch jede Wirtschaftskrise überstanden. Und zweitens gibt es immer noch einen Unterschied zwischen Zentralbankzinsen und den (höheren) Zinsen für Investitionskredite.

Der Zinssatz für Investitionskredite wird aber vom Markt festgelegt. In ihn fließt zwar auch der Zins für die Geldbeschaffung von der Zentralbank ein, aber nur als einer unter vielen Faktoren. Wichtigere Faktoren, um den Zins für Investitionskredite zu bestimmen, sind der Aufschlag zum Ausgleich von Ausfallrisiken und der Aufschlag dafür, die Gelder langfristig zu verleihen.

Viel schwerwiegender als ein negativer Zentralbankzins sind darum zwei andere Beschlüsse, die die EZB letzte Woche fällte.

Zum einen will die EZB wieder Langzeitrefinanzierungsoperationen (targeted longer-term refinancing operations TLTRO) durchführen. Sie will damit Gelder mit einer Laufzeit von vier Jahren zu einem festen Zinssatz (0,1% über dem Leitzins) vergeben.

Mit den TLTROs greift die EZB in die Zinsstrukturkurve ein, also in das Verhältnis von langfristigen zu kurzfristigen Zinsen. Dieses Verhältnis festzulegen, ist aber Sache des Marktes. Der Eingriff der EZB wird zur Folge haben, dass es sich für Sparer nicht mehr lohnen wird, ihre Gelder langfristig anzulegen.

Zum anderen trifft die EZB Vorbereitungen für den Kauf von durch Vermögenswerte besicherte Anleihen (das sind Pfandbriefe und Ähnliches). Bei Schuldnern mit geringer Bonität haben solche Papiere aber ein nennenswertes Ausfallrisiko. Dieses Ausfallrisiko zu bewerten und einen entsprechenden Aufschlag dafür festzulegen, ist wieder Sache des Marktes. Durch Ankäufe würde die EZB auch hier in den Markt eingreifen. Schlechte Bonität machte sich dann bezahlt, riskantes Verhalten würde belohnt.

Statt über Negativzinsen sollte sich die Öffentlichkeit mehr Gedanken über die Langzeitoperationen der EZB und über ihr geplantes Anleihekaufprogramm machen.

Foto (von Blueduck4711) : EZB bei Nacht

9 Kommentare

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  2. Sich über das Ende des Kapitalismus einzulassen erfordert doch über mehr Fragestellungen nachzudenken als negative Zinsen. Im Moment sehe ich nicht, dass Ökonomen annähernd die Fähigkeiten haben das zu tun.

    Nichts für ungut, aber selbst wenn Ökonomen das Ende des Kapitalismus ins Gesicht springen würde, könnten sie es nicht erkennen. Als Prof. Mann mit seiner Hockey Stick Veröffentlichung die Konsequenzen des Kapitalismus für das Klima den Marktgläubigen um die Ohren schlug, war das für jeden halbwegs vernunftbegabten Menschendas Ende des Kapitalimus. Jeder mit einem Gehirn größer als eine Walnuss musste erkennen, dass es so wie bisher nicht mehr weitergehen kann, nicht so die Ökonomen (bis auf wenige Ausnahmen). Die Erkenntnis der Unvereinbarkeit des Kapitalismus mit der Endlichkeit dieser Erde passt nicht in ihre Theorien, ihre Ideologie und wohl auch nicht in ihr Gehirn.

    Die Ökonomen der New Yorker Wall St. werden eher in den Fluten des steigenden Meerespiegels untergehen als das Ende des Kapitalismus wahrhaben zu wollen.

    Das Ende des Kapitalismus ist schon erreicht, da dieses Wirtschaftssystem droht diesen Planeten unbewohnbar zu machen, da er darin scheitert Lösungen für die Problem zu bieten die er verursacht hat und weil er nicht im Mindesten leistet was wir von einem Wirtschaftssystem fordern müssen.
    Ich stelle mir eigentlich nur die Frage wie viele von uns dieses Ende überleben werden.

  3. Der Kapitalismus ist fähig, auch eine Wachstumskrise zu durchstehen. Dies kann man durch Inflation plus negative Realzinsen oder besser durch Schuldenerlasse, die auf der anderen Seite der Bilanz natürlich bedeuten, dass Vermögenswerte ausgebucht werden.

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  5. Zitat: „Der Kapitalismus ist fähig, auch eine Wachstumskrise zu durchstehen“

    Wenn ich dieses Argument richtig verstehe heisst das: weil kein Wachstum mehr möglich ist, versucht man neues Wachstum zu fördern in dem ein negativer Leitzins eingeführt wird?
    Der ganze Gedanke des negativen Leitzinses macht nur Sinn aus einer Perspektive in der man Wachstum als Lösung aller Probleme sieht. Hermann Daly ist schonmal auf den Vorschlag der negativen Leitzinsen eingegangen, als dieser von Larry Summers aufgebracht wurde. Dadurch, dass jedes Wachstum in einer begrenzten welt zu unökonomischen Wachstum wird, ist dieser Vorschlag zum scheitern verdammt.
    Siehe: http://steadystate.org/the-negative-natural-interest-rate-and-uneconomic-growth/

    Um die Absurdität dieses Vorschlags zu verstehen muss man aber erstmal klären was eigentlich Kapitalismus ist und warum ist er in der Krise?
    Kapitalismus ist nicht gleichbedeutend mit Marktwirtschaft.
    Kapitalismus ist ein System, dass auf die Vermehrung von Kapital durch Investition in der Erwartung zukünfigen Wachstums in den Produktionsstätten einer Volkswirtschaft setzt. Bzw.: Kapitalismus ist die Wirtschaftsform, in der Geld mit Geld gemacht wird, in dem man auf zukünftiges Wachstum wettet. Dieses System funktioniert nur in einer unendlichen Umwelt in der stetige Expansion möglich ist. Das Ende des Kapitalismus ist automatisch dann erreicht wenn die Expansion an Grenzen stößt.

    Da sehr viele Menschen sich ausser Kapitalismus und Kommunismus keine Wirtschaftssysteme vorstellen können hier eine Klarstellung: Das Ende des Kapitalismus ist nicht Gleichbedeutend mit dem Ende der „Marktwirtschaft“.

    Eintatsächliches Schwundgeld, dass von einer kommunalen Institution ausgegeben wird, wäre eine Lösung. In dieser Form ist der negative Zins aber Gleichzeitig an die Abschaffung des Kapitalismus gekoppelt, da der Sinn dieser Währung ist, jede Vermehrung von Kapital durch Einsatz von Kapital (z.B. durch Bodenspekulation) zu unterbinden. Schwundgeld reduziert also Geld auf seine Funktion als Tauschmittel in einer Marktwirtschaft. Es muss daher von anderen Maßnahmen begleitet werden wie Sozialdividende und Kommunalisierung / Sozialisierung des gesamten Grundeigentums.

  6. Stefan Rapp sagt

    @AlienObserver
    Selbst in einer schrumpfenden Volkswirtschaft ist Kapitalismus denkbar, Voraussetzung ist natürlich das sie einem gewissen Wandel unterliegt, im Rahmen dieses Wandels wird es auch immer Märkte des Wachstums geben, dafür schrumpfen dann halt andere Märkte. Du musst also nur immer auf das richtige Pferd setzen dann funktioniert Kapitalismus.
    Absolut betrachtet hättest du natürlich recht, das ergibt sich ja schon aus dem zweiten und dritten Hauptsatz der Thermodynamik, aber im Rahmen menschlicher Maßstäbe ist das natürlich irrelevant.
    Auserdem möchte ich noch ergänzen , das Wachstum gar nicht physikalisch gebunden sein muss so lange jeder Glaubt das er immer reicher wird und diesen Reichtum nur begrenzt abruft können „Blasen“ theoretisch ins unendliche wachsen ohne das sie platzen.

  7. „Selbst in einer schrumpfenden Volkswirtschaft ist Kapitalismus denkbar“.

    Denkbar ist alles. Man kann sich z.B. eine Erde Denken die größtenteils unbewohnbar ist und die Verbliebenen Menschen in totaler abhängigkeit von einem einzelnen Kapitalisten Leben der endlich „Alles“ besitzt. anscheinend aber existiert in Volkswirtschaften neben der Physikalischen Grenzen die von der Ökonomie ausgeblendet werden auch „soziale“ Grenzen.

    Wie Pickety (und andere) zeigen, werden Kapitalerträge bei stagnierender und schrumpfender Wirtschaft immer zu Lasten von (niedrigen und mittleren) Einkommen erwirtschaftet. Man kann das seit den 90ern gut beobachten, ich denke jeder kann das empirisch bestätigen. Die Frage also ist, wie lange in diesem Szenario Kapitalismus existieren kann ehe die Gesellschaft implodiert.

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