Alle Artikel in: Wirtschaftswurm-Blog

Warum die Kritiker der EZB daneben liegen

Die EZB musste sich aufgrund ihrer Zinserhöhung von letzter Woche einige Kritik aus dem In- und Ausland gefallen lassen. Stellvertretend für die deutschen Wirtschaftsblogger nenne ich mal hier Kantoos und stellvertretend für amerikanische Wirtschaftsprofessoren Paul Krugman. Mich überzeugen diese Kritiken nicht und ich will darlegen warum. Aber eines vorweg: Mir wurde ja hier schon mal in den Kommentaren Inflationsparanoia vorgeworfen. Ich glaube allerdings, dass meine Sorge vor einer Geldentwertung kein Zeichen einer krankhaften Psyche ist, sondern Ausdruck eines sozial mitfühlenden Geistes. Eine Inflation von 5 % bedeutet nichts anderes, als dass etwa Hartz-IV-Empfänger, deren Sätze nur einmal im Jahr an die Inflation angepasst werden, nach 11 Monaten real 4,4 % weniger zum Leben haben. Wer Inflation toleriert, möchte, dass unsere Staatsschulden von den Ärmsten abbezahlt werden. Nun aber zu Kantoos. Sein wichtigstes Argument ist eine hübsche Trendlinie für das nominale Bruttoinlandsprodukt der Eurozone mit einem Anstieg von 4 % jährlich. Seit Beginn der letzten Wirtschaftskrise liegt das tatsächliche nominale BIP 8-10 % unterhalb dieses angeblichen Trends. Die EZB müsse nun dafür sorgen, den Trend wieder einzuholen. Nur dann werde …

Wer hat die gläserne Decke eingezogen?

Wenn zur Zeit über die Frauenquote diskutiert wird, ist viel von der gläsernen Decke die Rede. Gemeint ist eine unsichtbare Hürde, die verhindert, dass Frauen in die oberste Konzernspitze aufsteigen. Was sind allerdings die Ursachen dieser Hürde und wer hat sie aufgestellt? Für die meisten Frauen liegt die Erklärung auf der Hand: Männer behinderten und diskriminierten karrierewillige Frauen in den Unternehmen. Die Männer an der Spitze begünstigten Männer als Kollegen oder Nachfolger. Für die Frauen ist diese Erklärung sehr bequem: Sie können alle Schuld von sich weisen und sich in ihrer klassischen Opferrolle suhlen. Das macht aber skeptisch gegenüber dieser Erklärung genauso wie ihre Parallele zu gängigen Verschwörungstheorien. Und in der Tat, um die gläserne Decke zu erklären, gibt es genug andere Ursachen, man braucht die Theorie von der „latenten“ Frauendiskriminierung nicht. In einem Artikel für den Harvard Business Manager im März 2009 hat die Managementtrainerin Monika Henn bereits mehrere wissenschaftlich-statistisch belegte Gründe genannt, warum Frauen in den Spitzenpositionen eindeutig unterrepräsentiert sind. Das Problem – diese Gründe liegen meistens an den Frauen selbst: Während Männer …

Der Euro-Rettungsschirm hilft dem Euro nicht

Claudia Aebersold Szalay macht es in der NZZ klar: Es geht überhaupt nicht um den Euro beim milliardenschweren „Euro-Rettungsschirm“ (offiziell Europäischer Stabilisierungsmechanismus ESM). Über Wohl und Wehe des Euros entscheide allein die Politik der Europäischen Zentralbank EZB. In der Tat hat die gesamte Schuldenkrise nur vorübergehend am Außenwert des Euros gekratzt. Gegenüber dem Dollar ist er seit Juni letzten Jahres wieder im Aufwind und selbst gegenüber dem Schweizer Franken ist er seitdem einigermaßen stabil. Nicht so gut sieht es beim Binnenwert des Euros aus. Die jährliche Inflationsrate im Euroraum lag nach ersten Schätzungen im März bei 2,6 %. Damit hat die EZB ihr Inflationsziel von maximal 2 % inzwischen deutlich verfehlt. Es gibt allerdings überhaupt keinen volkswirtschaftlichen Automatismus, nach dem die Schuldenprobleme eines Staates zu einer Geldentwertung führen. Die Schuldenprobleme werden nur dann zu Inflationsproblemen, wenn die Geldpolitik dies zulässt. Konkret, wenn die Zentralbank bereit ist, Geld „zu drucken“, damit ein Staat seine Schulden zurückzahlen kann. Und leider hat sich die EZB dazu hinreißen lassen. Der Sündenfall der EZB begann mit dem Ankauf von Staatsanleihen aus den …

Kosten des schnellen Atomausstiegs: Wie SPON seine Zahlen korrigiert

In meinem ersten Artikel zu den Kosten eines schnellen Atomausstiegs habe ich Spiegel Online vorgeworfen, Kosten, die für einen schnellen Atomausstieg bis 2020 anfallen, und Kosten, die für den ohnehin notwendigen und geplanten Klimaschutz anfallen miteinander zu vermengen. Kurz darauf korrigierte SPON seine Zahlen. In der neuen Version des Artikels werden die Kosten des schnellen Atomausstiegs mit nur noch 167 Milliarden € statt mit 233 Milliarden € angegeben. SPON begründet die Korrektur damit, dass die zuerst genannte Zahl auch Investitionen für den Wärmebereich beinhaltete, dieser aber für die Frage Atomausstieg irrelevant sei. Nebenbei sind in der neuen Version des Artikels noch andere Zahlen korrigiert: Statt 13 Milliarden Kosten, die den Verbrauchern im vergangenen Jahr durch Solarenergie angeblich anfielen, sind es nun nur noch 9 Milliarden. Wirtschaftswurm-Leser wissen, dass auch die neue Zahl nicht die Kosten wiedergibt, da auf der anderen Seite die erneuerbaren Energien für nicht berücksichtigte Einsparungen in Höhe von 3,6 bis 4 Milliarden € gesorgt haben. Der prognostizierte Anstieg des Stromhandelsgroßpreis durch die Verteuerung von CO2-Zertifikaten dieses Jahr beträgt nun nicht mehr 2,7 …

Schlimm ist das neue Normal

Ich erlaube mir mal, einen SPON-Titel abzukupfern. Denn unter dem Titel „Schlimm ist das neue Normal“ beschreibt Stefan Kuzmany die Gewöhnung von Menschen und Medien an den Katastrophenzustand in Fukushima: „Vor einigen Tagen hätte es empfindliche Menschen hierzulande wohl noch den Schlaf gekostet, zu wissen, dass die Strahlenwerte im Meer vor Fukushima 3355fach über dem Normalwert liegen. Heute nehmen wir solche Meldungen achselzuckend zur Kenntnis.“ Warum ist das so? – Zum einen, weil wir uns innerlich bereits auf den schlimmsten Fall eingestellt haben , den unser Vorstellungsvermögen fassen kann. Mehr geht nicht, zumindest nicht in unserem Kopf, in der Realität natürlich schon. Oder wer kann sich eine 23 m hohe Tsunamiwelle vorstellen? – Zum anderen reagieren wir nur noch mit einem Achselzucken, weil wir eh schon lange den Überblick verloren haben. Und genauso sieht es auch im Falle der Euro-Schuldenkrise aus. Selbst mir war es in letzter Zeit zu müßig, die Milliarden und Abermilliarden zusammenzuzählen, die uns diese Krise kosten könnte. Wir steuern ohnehin auf eine Katastrophe zu. Glücklicherweise wurde ifo-Chef Hans-Werner Sinn (vielleicht, weil er …

Ein Blick ins Interne

Das erste Quartal 2011 ist zu Ende und das ist eine gute Gelegenheit, einmal die Zugriffsstatistik dieses Blogs genauer anzuschauen. Google Analytics gibt mir für die drei Monate Januar bis März 5488 Besuche an und 8488 Seitenaufrufe. Dafür, dass dieses Blog erst gut sieben Monate alt ist, kann ich mit den Zahlen zufrieden sein. Gegenüber dem vorangegangenen Quartal ergibt sich immerhin mehr als eine Verdoppelung der Seitenaufrufe und auch innerhalb des Quartals war die Entwicklung positiv: von 1733 Seitenaufrufe im Januar über 2648 im Februar zu 4107 im März. Möge es so weitergehen. Die beliebtesten Seiten in den letzten drei Monaten waren: Merkel gegen alle Experten: 1040 Seitenaufrufe Kosten des schnellen Atomausstiegs: Wie die von SPON genannten Horrorzahlen zusammenschrumpfen: 452 Seitenaufrufe Wirtschaftswachstum mal langfristig (ein Klassiker vom letzten November): 450 Seitenaufrufe Angewandte Rechenkünste und der Euro-Rettungsschirm: 433 Seitenaufrufe Mit gewissem Abstand folgen: Hartz IV: Es bleibt bei 5 Euro mehr, Euro-Mythos: Ein Blick in die Geldbörse genügt sowie Kein Schreckensszenario: Deutschland ohne Euro. Für mich interessant ist natürlich, woher die Besucher kamen: Immerhin 15,7 % …

Kein Schreckensszenario: Europa ohne Euro

SPON-Autor Sven Böll hat sich nicht nur ein wirtschaftliches Schreckensszenario ausgedacht für den Fall, dass Deutschland aus der Eurozone austritt, sondern auch ein politisches. Dabei lässt er seinen apokalyptischen Phantasien völlig freien Lauf. Eine nüchterne Abwägung der Chancen und Risiken eines Austritts Deutschlands aus der Eurozone sieht anders aus. Schauen wir uns die Thesen Bölls genauer an: „Die Bundesrepublik wäre wirtschaftlich und politisch isoliert.“ Böll bedient hier das aus zwei Weltkriegen gewachsene deutsche Trauma der Isolation. Ihre nationale Interessenlage spricht aber dafür, dass sich Holland, Österreich und Finnland erleichtert der deutschen Linie anschließen werden. Und bei den Nicht-Euro-Staaten darf man bei einem Austritt aus der Eurozone ohnehin auf viel Verständnis hoffen. Selbst Frankreich und Italien werden natürlich sehr schnell von der Fahne der Euro-Solidarität mit den Pleiteländern Griechenland, Portugal, Spanien und Irland desertieren, wenn Deutschland nicht mehr zahlt. Unglaubwürdig, sollten Franzosen und Italiener dann noch auf Deutschland mit dem moralischen Zeigefinger verweisen. „Außerdem ist damit zu rechnen, dass es zu einem Wettlauf kommt – beim Vertragsbruch der EU-Gesetze genauso wie bei der Abwertung der Währungen …

Kein Schreckensszenario: Deutschland ohne Euro

Im Artikel „Euro-Mythos: Ein Blick in die Geldbörse genügt“ habe ich bereits Sven Bölls Argumente bei SPON auseinander genommen, nach denen Deutschland angeblich ökonomisch vom Euro profitiert. Ein anderer Artikel desselben Autors bedarf ebenfalls einer Replik. Böll malt darin ein wirtschaftliches Schreckenszenario für den Fall, dass Deutschland aus der Eurozone austritt. Sein Szenario ist jedoch weder wahrscheinlich noch plausibel. Eine Wiedereinführung der D-Mark würde zu einer Kapitalflucht aus anderen EU-Staaten nach Deutschland als dem einzig verbliebenen Ort stabilen Geldes führen. Die EU-Staaten müssten darum Kapitalverkehrssperren verhängen. So behauptet Böll. Nun, Kapitalverkehrssperren innerhalb der EU sind verboten. Und fließen ausländische Ersparnisse nach Deutschland, so senkt das hier die Zinsen und kurbelt die Konjunktur an. Die Gelder wollen schließlich investiert werden. Letztlich ein sehr positiver Effekt. Doch die neue D-Mark werde massiv aufwerten und das mache deutsche Waren im Ausland teurer. Die Exportwirtschaft werde leiden und Arbeitsplätze dort verloren gehen. So behauptet Böll. Allerdings sind die Schätzungen, die Böll ohne Quellenangabe wiedergibt (z. B. 80 % Abwertung des griechischen Drachme) vermutlich übertrieben. Im Übrigen exportiert Deutschland ohnehin …

Euro-Mythos: Ein Blick in die Geldbörse genügt

SPON hat sich im Vorfeld des aktuellen EU-Gipfels viel Mühe gemacht, den Deutschen ihre Rolle als Zahlmeister Europas schmackhaft zu machen. Im dritten Teil seiner Euro-Artikelreihe erklärt Sven Böll, wie Deutschland angeblich ökonomisch vom Euro profitiert. Seine Argumente sind nicht neu und werden durch die Wiederholung nicht besser. Im Wesentlichen sind es drei. Das erste: Sieben Jahrzehnte ohne Krieg bedeuteten auch sieben Jahrzehnte, in denen ungestört Vermögen gebildet und vererbt werden konnten. Das Problem: Den Euro gibt es erst seit 1999 (als Bargeld sogar erst seit 2002). Die sieben Friedensjahrzehnten waren also größtenteils Jahrzehnte ohne Euro. Gerade der Euro ist aber dabei, sich zum Sprengsatz zwischen den europäischen Staaten zu entwickeln. So hat die Euro-Krise das Verhältnis zwischen Deutschen und Griechen stärker erschüttert als jedes andere Ereignis seit 1945. Glücklicherweise sind die Kriegshürden heute höher. Aber nach den Maßstäben des 19. Jahrhunderts läge schon längst ein legitimer Grund für einen deutsch-griechischen Krieg vor. Das zweite Argument: Der Euro habe dafür gesorgt, dass Spanier, Griechen und andere eine ökonomische Perspektive in ihrem Land gegeben wurde und …

Kosten des schnellen Atomausstiegs: Wie die von SPON genannten Horrorzahlen zusammenschrumpfen

233 Milliarden Euro gegen 0,4 Cent. Zwei Zahlen höchst unterschiedlicher Dimension als Antwort auf ein und dieselbe Frage: Was kostet uns ein zügiger Atomausstieg? Die erste Zahl stammt von Michael Sterner (Fraunhofer Institut). Für SPON spielt er das Szenario eines Atomausstiegs bis 2020 durch. Die 233 Milliarden ergeben sich aus den Kosten für den Ausbau erneuerbarer Energien, Investitionskosten in Gaskraftwerke und in den Netzausbau sowie Mehrkosten für Kohle und Gas. Die zweite Zahl stammt von Olaf Hohmeyer (Sachverständigenrat der Bundesregierung). Er hält einen Atomausstieg bis 2015 für möglich und rechnet auf WDR 5 vor, dass Kohle- oder Gaskraftwerke im Schnitt die KWh Strom 2 Cent teurer produzieren als Atomkraftwerke. Da aber nur 20 % des deutschen Stroms aus AKWs stammen und ersetzt werden müssen, ergibt sich ein Strompreisanstieg um 0,4 Cent/KWh. Die Deutschen verbrauchen rund 600 Mrd. KWh Strom im Jahr. Hohmeyers 0,4 Cent/KWh summieren sich also in den neuen Jahren bis 2020 auf höchstens 21,6 Milliarden Euro. Das ist mehr als eine Zehnerpotenz kleiner als die von Sterner angegebenen Kosten. Wer sich die Sterners …

Die Wirtschaft kann sich abkoppeln von der Katastrophe

Während in Japan heute die Börsenkurse abstürzten (der Topix-Index verlor 7,5 %), hielten sich an den anderen Märkten die Verluste in Grenzen. Damit teilen die Börsen die Einschätzung der meisten Volkswirte: Das schwere Erdbeben und der Tsunami in Japan werden außerhalb des Landes keine spürbaren wirtschaftlichen Folgen haben. Auch für Japan selbst wird nur ein kurzfristiger Einbruch erwartet, der in ein paar Monaten schon wieder ausgeglichen werden kann. Das mag erstaunlich sein, wenn man die grauenvollen Bilder der Zerstörung vor Augen hat. Neben der Infrastruktur sind auch viele Produktionsstätten betroffen. Weil darum viele Zulieferteile nicht zu beschaffen sind, bekommen auch Betriebe Probleme, die gar nicht im Katastrophengebiet liegen. So ruht die Produktion momentan bei allen japanischen Autoproduzenten. Doch schon in ein paar Tagen wird es weitergehen, wenn auch wahrscheinlich zunächst stockend. Man wird freie Kapazitäten an anderen Standorten mobilisieren. Man wird für ausgefallene Lieferanten Ersatz finden. Die Konkurrenz steht schon bereit. Wenn dann alles wieder rund läuft, kann man die Ausfälle schnell nachholen. Das zeigt die Erfahrung mit dem Kobe-Erdbeben von 1995. Es stimmt, das …