Autor: Arne Kuster

Eurorettung – die nächste Runde

Der Fall der Dexia-Bank offenbart vor allem die Vergeblichkeit der Rettungsschirm-politik seit Mai 2010. Entscheidend sind nun die Bedingungen, unter denen die Banken rekapitalisiert werden sollen. Es ist keine drei Monate her, da vermittelte die europäische Bankenlandschaft den Anschein einer intakten Ökonomie. EU-Binnenmarktkommissar Olli Rehn meinte, die große Mehrheit der europäischen Banken sei inzwischen deutlich stabiler aufgestellt als früher. Wolfgang Schäuble sprach von der Krisenfestigkeit der Branche. Auch Journalisten wie Stefan Kaiser von SPON glaubten, man werde das Ziel erreichen, „den europäischen Bankensektor stabiler zu machen.“ Anlass für die Vertrauensbekundungen von Mitte Juli war der Bankenstresstest, an dem 91 wichtige Banken der EU teilnahmen und bei dem nur acht Banken durchfielen. Auch die belgisch-französische Dexia bestand den Test. Die steht jetzt vor der Insolvenz und wird verstaatlicht. Und es „gehört keine besondere prophetische Gabe zu der Vorhersage, dass die Dexia-Bank nur der Anfang ist“, schreibt Dirk Elsner im Blicklog. Der Fall Dexia zeigt, dass der Bankenstresstest 2011 für die Banken lediglich leichte Nadelstiche statt eines kräftigen Kinnhakens simulierte. Der Fall Dexia offenbart aber vor allem …

Blogzahlen

In meinem letzten Quartalsbericht Anfang Juli gab ich mich ja skeptisch, ob www.wirtschaftswurm.net in den Sommermonaten eine weitere Steigerung der Besucherzahlen erreichen kann. Die Zuspitzung der Eurokrise ab Anfang August spülte dann allerdings eine Rekordzahl an Lesern in mein Blog. In den drei Monaten Juli, August und September verzeichnete www.wirtschaftswurm.net 11.838 Besuche oder 48 % mehr als im Vorquartal. Die Zahl der Seitenaufrufe stieg um 49 % auf 16.905. Schön, dass auch die durchschnittliche Verweildauer leicht stieg. Ich habe mich angepasst und bin auf ein besseres (und leider auch teureres) Webhosting-Paket umgestiegen. Glaubt man den Google-Tools hat sich das jedoch gelohnt. Die Ladezeit von www.wirtschaftswurm.net ist danach 40 % schneller geworden. Welche Artikel sorgten nun für den Besucheransturm? Am meisten gelesen wurde „Kein Weg aus der Finanz- und Schuldenkrise ohne Umverteilung“ mit 2.093 Seitenaufrufen. Auf den Plätzen folgten: „Wie sich Europa im Euro-Rettungsschirm verheddert und fällt“ mit 903 Seitenaufrufen, „Wie viel kostet der Euroaustritt wirklich?“ mit 759 Seitenaufrufen, „Was das Bundesverfassungsgerichtsurteil nicht sagt“, „Wie Europa fällt – eine Rechtfertigung“, „Der Euro-Rettungsschirm – über Recht und …

Gibt es eine Zukunft mit Karl Marx?

In Kapitel 7 und 8 seines Buches „Wo Marx Recht hat“ (Partnerlink) geht Fritz Reheis Fragen über Fortschritt, Revolution und über ein Wirtschaftssystem „jenseits des Kapitalismus“ nach. Wie in den anderen Teilen seines Buches gelingt es ihm auch hier nicht, von Karl Marx‘ Aktualität zu überzeugen. Fritz Reheis stellt sicher völlig zurecht fest, dass durch das Scheitern von Marxisten in Russland und anderswo noch nicht die Thesen von Karl Marx selbst widerlegt wurden. Vielleicht war einfach noch nicht die Zeit reif für den Aufbau eines Sozialismus? Aber wann ist die Zeit reif? Folgt man Marx müssen die Produktivkräfte (also der Stand der angewandten Technik) sich so weit entwickelt haben, dass die Produktionsverhältnisse (also das kapitalistische Wirtschaftssystem) demgegenüber als anachronistischer Bremsklotz erscheint. Der Kapitalismus werde dann an seinen inneren Widersprüchen scheitern. Interessant ist nun Reheis These, dass mit der Solarwirtschaft einerseits und der digitalen Technologie andererseits inzwischen zumindest zwei technologische Voraussetzungen für eine Überwindung des Kapitalismus vorliegen. Um im folgenden bei der digitalen Technologie zu bleiben: Tatsächlich scheint die leichte Kopierbarkeit digitaler Inhalten über durch Netze …

Wo hat Marx Recht?

Es ist wohl kein Zufall, dass man in Krisenzeiten wie heute neue Orientierung an alten Denkern sucht. Und so habe ich mir mal Fritz Reheis aktuelles Buch „Wo Marx Recht hat“ (Partnerlink) zur Hand genommen. Auf etwa 200 Seiten und in neun Kapiteln stellt Reheis einzelne Elemente von Marx‘ Theorie vor, die, wo seiner Meinung nach Marx Recht hat. Er beginnt jeweils mit aktuellen Geschehnissen, schlägt dann die Brücke zu Marx‘ Theorie und ergänzt diese in der Regel durch die Überlegungen einiger neuerer Denker, die sich auf Marx berufen konnten. Reheis ist das nicht einfache Unterfangen geglückt, Marx‘ Theorien verständlich darzustellen. Das Buch eignet sich gut als Marx-Einführung oder zur Wiederbelebung seines Marx-Wissens. Grundlegend neue Sachen zu dem, was auf Seiten der Linken ohnehin diskutiert wird, darf man aber von Reheis nicht erwarten. Das Buch bleibt im Rahmen einer Marx-Interpretation. Der Versuch, die Aktualität von Karl Marx deutlich zu machen, scheitert dabei meiner Meinung nach. Nach Lesen der ersten fünf Kapitel stellt sich bei mir mehr und mehr der Eindruck ein: Karl Marx ist doch …

Eurobonds – clever, aber kein Allheilmittel

Eurobonds (wenn sie richtig konstruiert werden) sind besser als die gegenwärtigen Euro-Rettungsschirme. Ein Pleite Griechenlands und seinen Austritt aus der Eurozone könnten sie trotzdem nicht verhindern. Meine Ablehnung von Eurobonds hier im Blog war ja (zumindest für meine Verhältnisse) recht verhalten. Es ist unbestritten, dass Eurobonds sogenannte Synergieeffekte bringen. Wenn die Staaten der Eurozone sich zusammentun, um gemeinsam Schulden aufzunehmen und gemeinsam dafür zu haften, müssen Staaten wie Italien bedeutend weniger Zinsen zahlen, während Staaten wie Deutschland nur geringfügig mehr zu zahlen haben. Zumindest per Saldo ein Plus. (Und umsonst kommen die „Nordstaaten“ aus der ganzen Eurogeschichte sowieso nicht mehr raus.) Interessant im Zusammenhang mit Eurobonds ist ein Vorschlag, der ursprünglich am Brüsseler BRUEGEL-Institut entwickelt wurde und den z. B. auch die Jungs von FTD Wunder aufgegriffen haben. Er beinhaltet „blaue“ Eurobonds und „rote“ nationale Anleihen. Die roten, nationalen Anleihen werden nachrangig bedient. Wenn also ein Staat Liquiditätsprobleme hat, muss er zuerst die Zahlungen für die roten Anleihen einstellen, die blauen aber weiterhin bedienen. Die blauen Eurobonds dürfen nur bis zu einer Marke von 60 …

Ich kann dieses Gelaber vom Marktversagen nicht mehr hören

Denn genau die Leute reden vom Marktversagen und rechtfertigen damit riskante Markteingriffe, die in der Vergangenheit noch mehr versagt haben, als die Märkte selbst. Beispiel: Die EZB und ihre Aufkäufe südeuropäischer Staatsanleihen. Natürlich gibt es Marktversagen, sogar häufig und mit fatalen Konsequenzen. Wir leben in einer unvollkommenen Welt, in unvollkommenen Gesellschaften und mit unvollkommenen Märkten. Das ist eine Banalität, selbst für Wirtschaftswissenschaftler. Die Volkswirtschaftslehre verwendet den Begriff des Marktversagens seit 1958. Und seitdem hat man immer mehr Fälle gefunden, in denen der Markt eine schlechte Arbeit beim Zusammenführen von Angebot und Nachfrage liefert. Seit Mitte der 90er Jahre wird dabei auch verstärkt über die Finanzmärkte diskutiert. Unter dem Titel „Herd Behaviors, Bubbles and Crashes“ entwickelte damals Thomas Lux im „Economic Journal“ die Theorie von der chronischen Instabilität der Finanzmärkte. Anleger folgen demnach häufig einer Art Herdentrieb. Der einzelne richte sich nach der Masse und alle zusammen verursachen so abwechselnd Spekulationsblasen und Börsenpanik. Bis heute unter Volkswirten umstritten ist, wie wichtig das Herdenverhalten auf den Finanzmärkten ist. Der Mainstream hielt es lange Zeit für vernachlässigbar, die …

Links und rechts in der Wirtschaftspolitik

Die Frage, „Was ist links?“, hat nun auch die Wirtschaftsblogs erreicht. In der Diskussion fehlt allerdings bislang ein Rückgriff auf grundlegende Vorstellungen von Gerechtigkeit. Kantoos und Mark Schieritz streiten sich in ihren Wirtschaftsblogs darum, wer der bessere Linke ist. Und über dem Ganzen schwebt FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, der begonnen hat zu glauben, dass die Linke recht habe. Wenn anerkannte Wirtschaftsblogger diskutieren, darf man mehr erwarten als in der banalisierten politischen Alltagsdiskussion. Dort reicht es ja schon aus, bestimmte Begriffe zu verwenden, um sich als „links“ oder „rechts“ zu offenbaren. „Solidarität“ z. B. ist ein typisch linker Begriff. Wer solidarisch ist, muss also ein Linker sein, ganz gleich, mit was er sich jetzt solidarisiert. Leider reißt Mark Schieritz irgendwann in seinem Beitrag die Messlatte banaler Politikdiskussion. Die Bankenrettung wird zum linken Programmpunkt erklärt. Man hilft ja irgendwem, der in einer relativen Zwangslage ist. Solidarität mit Swimming-Pool-Besitzern in Nobelvierteln eben. Tatsächlich ist jedoch Schieritz Satz: „Wenn der Preis [für die Bankenrettung] ist, dass ein paar Bankaktionäre profitieren, dann bin ich bereit, ihn zu bezahlen“, ein knallhart rechter …

Was das Bundesverfassungsgerichtsurteil nicht sagt

In seinem Urteil entschied das Bundesverfassungsgericht weder abschließend über die Rechtmäßigkeit des Euro-Rettungsschirms noch gar über seine volkswirtschaftliche Sinnhaftigkeit. Am Mittwoch entschied das Bundesverfassungsgericht über die Griechenlandhilfen und den Euro-Rettungsschirm. Das vollständige Urteil ist auch im Internet nachzulesen: Die Übernahme von Risiken in Höhe von 170 Milliarden € sei mit dem Grundgesetz vereinbar, sofern die Bundesregierung verpflichtet wird, „ vor Übernahme von Gewährleistungen jeweils die vorherige Zustimmung des Haushaltsausschusses einzuholen.“ In verschiedenen Medien, z. B. Welt Online, konnte man daraufhin nachlesen, der Euro-Rettungsschirm sei rechtens. Muss ich jetzt meinen Artikel vom 1. August widerrufen, in dem ich behauptet habe, der Euro-Rettungsschirm stehe über Recht und Gesetz? – Nein, ganz und gar nicht. Der Senat des Bundesverfassungsgerichts weist ausdrücklich darauf hin, dass ihm „eine Prüfung der beanstandeten Gesetze an unionsrechtlichen Bestimmungen verwehrt war“. Sprich: Aufgabe des Bundesverfassungsgerichts ist ausschließlich zu prüfen, ob das deutsche Grundgesetz eingehalten worden ist. Es hat keine Kompetenz zu prüfen, ob europäisches Recht ebenfalls beachtet worden ist. Entsprechend äußert es sich hierzu nicht. Es bleibt jedem mit gesundem Menschenverstand frei, zu erkennen, …

Wie viel kostet der Euroaustritt wirklich?

Mit der Frage, wie viel der Euroaustritt Deutschland kosten würde, haben sich Volkswirte der UBS beschäftigt. Ihre Schätzung ist allerdings grob und einseitig. Nachlesen kann man die UBS-Schätzung bei Credit Writedowns. Aber eines vorweg: Auch die UBS-Volkswirte sind der Ansicht, dass der Euro, so wie er heute konstruiert ist, nicht funktioniert und mehr Schaden als Nutzen bringt. Der Austritt eines Landes aus der Währungsunion sei aber noch teurer, behaupten sie. Für Deutschland kommen die UBSler auf 6.000 bis 8.000 € pro Person im ersten Jahr und 3.500 bis 4.500 € in den Folgejahren. Dass die Schätzung sehr grob ist, muss man wohl hinnehmen. Vergleichbare Präzedenzfälle für den Austritt aus einer Währungsunion gibt es nicht. Beispielsweise gehen die Bankvolkswirte davon aus, dass die neue D-Mark um 40-50% gegenüber dem Rumpfeuro aufwerten würde. Darüber kann man natürlich trefflich streiten. Trotzdem mag im Laufe einer vorübergehenden Übertreibung auf den Devisenmärkten eine solche Aufwertung nicht unrealistisch sein. Kostenpunkt 1 in der UBS-Schätzung sind die Kosten für Bankenrettungen. Nach Austritt aus dem Euro halten die Banken nach wie vor einige …

Die vier grundsätzlichen Alternativen in der Finanz- und Schuldenkrise

Auf meinen Beitrag „Kein Weg aus der Finanz- und Schuldenkrise ohne Umverteilung“ reagierte ein Goldanleger mit dem Satz: „Nur von Schafen wird umverteilt.“ Nun, ich denke, das kommt ganz darauf an. Es gibt vier grundsätzliche Alternativen, die Finanz- und Schuldenkrise durch Umverteilung zu beenden. Bei der Vorstellung der Alternativen kann ich mich wie im letzten Artikel an Dirk Müller anlehnen. Die Umverteilungsalternativen sind: kontrolliert über Steuer- und Verteilungspolitik (ein „new deal“ nach Roosevelts Vorbild), durch Schuldenstreichung, unkontrolliert über Inflation und damit die Entwertung von Geldvermögen oder revolutionär und gewalttätig. Karl Marx sah nur die letzte Möglichkeit. Und ganz ausschließen mag ich sie auch heute nicht. Die Umwälzungen 1989 in Osteuropa und dieses Jahr in der arabischen Welt zeigen, dass Revolutionen oft überraschend und ohne Vorwarnung entstehen. Die Demonstrationen dieses Jahr in Spanien und Griechenland und die Unruhen in London offenbaren zudem, dass genügend Frustration als Nährboden auch in Europa vorhanden ist. Die Goldanleger denken vor allem an die Möglichkeiten 2 und 3. Klar, wer Goldmünzen besitzt, muss sich weder um Geldentwertung Sorgen machen noch darum, …