Wirtschaftswurm-Blog

Rettet Europa vor der EU – aber vorher Kritik am Geldsystem

Gebauer Ausschnitt Buchumschlag

Rettet Europa vor der EU: Wie ein Traum an der Gier nach Macht zerbricht“, so lautet der Titel des aktuellen Buches von Carlos Gebauer. Bevor Gebauer darin allerdings zum Thema EU gelangt, gibt es ein überlanges Vorwort und falsche Kritik am Geldsystem.

Doch zunächst einmal zur Person Carlos Gebauer selbst. Laut Wikipedia ist Gebauer sowohl Rechtsanwalt, Schauspieler und Autor als auch FDP-Mitglied, also offensichtlich eine vielseitige Persönlichkeit.

In der FDP stritt Gebauer 2011 an der Seite von Frank Schäffler gegen die Euro-Rettungspakete. Wäre ihre Mitgliederinitiative geglückt, die FDP hätte wohl ihren Platz im Bundestag auch nach 2013 behalten.

„Rettet Europa vor der EU“ nun hat zwei große Hauptteile. Der erste befasst sich mit „Prinzipien und Elementen von Herrschaft“. Er beinhaltet viele interessante Gedanken und einige falsche Gedanken, doch irgendwann, spätestens auf Seite 50 oder 60 fragt man sich: Wann kommt Gebauer zu seinem eigentlichen und angekündigten Thema, der EU? Der erste Hauptteil ist nämlich in Wahrheit ein überlanges (103 Seiten langes) Vorwort.

Selbst das Kapitel darin zur Geldpolitik befasst sich hauptsächlich mit einer Kritik unseres Geldsystems im Allgemeinen als mit der Politik der Europäischen Zentralbank im Besonderen. Und da gerät Gebauer – übrigens nicht zum ersten Mal im Buch – auf Abwege.

Zum Wesen unseres Finanzsystems gehört ganz richtig – und so wird es auch von Gebauer wiederholt – dass Geschäftsbanken einfach neues Geld erschaffen können, indem sie einen Kredit vergeben. Also: Bank X gewährt Person Y ein Darlehen von 20.000 € und schreibt Y diese 20.000 € auf ihrem Girokonto gut. Bank X muss sich dabei an gewisse Regularien halten, die wir aber hier nicht weiter vertiefen brauchen. Denn die 20.000 € auf dem Girokonto sind im Wesentlichen neues, aus dem nichts geschaffenes Geld.

Gebauer vergleicht nun das Vorgehen der Bank mit dem eines Geldfälschers. Das ist allerdings Quatsch. Das neue Geld auf dem Girokonto von Y bedeutet ja eine Verpflichtung der Bank X, also eine Schuld dieser Bank. Bank X hat dafür gerade zu stehen. Der Geldfälscher steht dagegen für seine in Umlauf gebrachten Blüten nicht gerade. Er verdünnisiert sich lieber, so schnell er kann.

Bank X macht durch den Akt der Geldschöpfung auch keinen Gewinn. Ich weiß, dass das ein häufiges Missverständnis ist. Geld gleich Reichtum, so die tief verwurzelte Vorstellung in der Gesellschaft. Und wer Geld machen kann, kann darum auch Reichtum machen. Aber eben nicht Banken, denn für Banken gilt: Geld gleich Schulden.

Der Gewinn der Bank entsteht nicht durch die Geldschöpfung. Er entsteht erst, wenn Person Y ihr Darlehen mit Zinsen zurückzahlt. Nur der Zins ist der Gewinn der Bank X. Doch dem Gewinn steht ein Risiko gegenüber, nämlich das Risiko, dass Person Y zahlungsunfähig wird.

Zumindest sollte es so sein. Und an dieser Stelle könnte eine echte Kritik an unserem aktuellen Geldsystem ansetzen. Im Zeitalter systemrelevanter Banken ist nämlich fraglich, ob für die Banken Geldschöpfung noch mit einem Risiko verbunden ist. Wenn’s schief geht, zahlt ja der Steuerzahler. Gewinn ohne Risiko (oder mit vermindertem Risiko) mag dann in der Tat zu übermäßiger Geldschöpfung verleiten.

Doch so weit steigt Gebauer leider nicht in die Materie ein.

Eine Besprechung des zweiten Hauptteils von „Rettet Europa vor der EU“ ist inzwischen erschienen: Die schwachen rechtlichen Fundamente der EU.

Bild: Ausschnitt aus dem Buchumschlag „Rettet Europa vor der EU“ von Carlos Gebauer

11 Kommentare

  1. rote_pille sagt

    es mag nicht nur dazu verleiten, es tut es in geradezu exzessiver weise! ohne rückendeckung der zentralbank und neuerdings des staatshaushaltes würde kein privatbanker so verleihen wie er es heute tut. die zinsen wären bedeutend höher.

  2. uwe sagt

    @Arne
    Bzgl. „Geld schöpfen“ und „gewisse Regularien einhalten“.
    Kennst Du eine gut lesbare Referenz zu den „gewissen Regularien“ ? Danke.

  3. Naja, die Regularien fangen bei der Mindestreserveforderung der Zentralbank an und hören bei Basel III noch nicht auf. Aber „gut lesbar“, das gibt es, glaube ich, bei dem Thema nicht.

  4. uwe sagt

    @Arne
    Grundlagen ohne sämtliche Verästelungen würden mir als Naturwissenschaftler fürs Erste durchaus reichen.

    Bei mir kommt an, dass jede Bank Kredite vergeben kann, ohne dass sie Einlagen in gleicher Höhe vorweisen muss. D.h. sie schafft Geld aus dem Nichts. Wäre schon mal wichtig zu wissen, ob das überhaupt stimmt.
    Dann ist bei mir noch angekommen, dass die Banken eine prozentuale Deckung des neu geschaffenen Geldes durch (?) Bargeld vorhalten müssen (? 2%). Nicht nur aber u.a. dadurch können die Zentralbanken die Geldmenge steuern. Richtig?

    Übrigens wäre die Sache mit der Kreditvergabe selbst zahlreichen Bankern nicht bewusst / bekannt. Zumindest schon mal den Dreien, mit denen ich regelmässig Kegeln gehe. Da herrscht zu dem Thema blankes Nichtwissen. Wobei das nicht unbedingt etwas aussagt – mein Vertrauen in die Fähigkeiten von Bankern ist angesichts diverser eindeutiger Falsch“beratungen“ (nicht durch diese Drei) allerdings auch eher unterirdisch 😉

  5. Stefan Rapp sagt

    Was ich bei dem Thema nie verstanden habe ist, wieso wurde den, den Kunden bis vor wenigen Jahren überhaupt mehrere Prozent Zinsen als Beispiel fürs Tagegeldkonto bezahlt, wenn Banken ja sowieso alternativ fast zum Nulltarif Geld schöpfen können. Ging es hier vielleicht rein nur um Kundenbindung bei denen dann eben Cross-Selling gemacht wurde.
    Und Ob die EZB Geld schöpft und den Geschäftsbanken gibt, oder ob diese es selber schöpfen ist ja erst einmal egal, solange damit keine weiteren Konventionen verbunden sind, wie zum Beispiel die EZB würde Zinsen verlangen oder andere Aspekte.

  6. @uwe,
    1% Mindestreserve verlangt die EZB nur. Die Mindestreservepflicht wird durch ein entsprechendes Guthaben auf dem Konto der Geschäftsbank bei der Zentralbank erfüllt. Bargeldbestände der Banken zählen (nicht mehr?) zur Mindestreserve.

    @Stefan Rapp,
    Kundenbindung war wohl der wichtigste Grund. Für die Banken hat das Tagesgeldkonto noch den Vorteil, dass die Kosten für die Mindestreserve wegfallen, wenn die Kunden ihr Geld vom Girokonto aufs Tagesgeldkonto umschichten.

    Wahrscheinlich besteht bei Tagesgeldkonten auch eine höhere Sicherheit für die Bank als bei Girokonten, dass das Geld nicht abfließt. Wenn Kunden eine Überweisung auf ein Konto bei einer anderen Bank tätigen, muss ja nicht nur die Mindestreserve vorhanden sein, die Bank muss die volle Summe als Zentralbankguthaben beschaffen.

  7. Vielleicht noch einmal eine Ergänzung. Wenn ich oben im Artikel nur auf die Regularien verwiesen habe, war das etwas verkürzt. Eine Bank, die 20.000 € zur Verfügung stellt, muss natürlich damit rechnen, dass der Kunde schnurstracks das Geld an seinen Lieferanten überweist, der aber ein Konto bei einer anderen Bank hat. Dann muss die Bank sich das entsprechende Zentralbankguthaben beschaffen und an die Zielbank überweisen, die die Summe dann dem Lieferanten gutschreibt. Früher, als es noch Zinsen gab, war das natürlich mit Kosten verbunden. Und solche Kalkulationen haben auch die Geldschöpfung eingeschränkt.

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