Zwischenruf

Kann es zu viel Gerechtigkeit geben?

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André Kiesling fürchtete sich neulich bei der FAZ vor einem Gerechtigkeitsterror, falls Leistungsgerechtigkeit vollständig durchgesetzt würde. Diese Angst kann ich ihm nehmen.

Folgt man Kiesling, dann führt vollständige Leistungsgerechtigkeit leicht zu einem Gerechtigkeitsterror. Die Reichen seien in einem System, das Leistungsgerechtigkeit garantiert, mehr denn je davon überzeugt, den Reichtum verdient zu haben. Die Armen hätten wiederum keine Entschuldigung mehr für ihre Armut.

In Michael Youngs Dystopie „The Rise of the Meritocracy“ führt perfekte Leistungsgerechtigkeit letztlich dazu, dass sich Reich und Arm immer mehr voneinander abkoppeln. Die Reichen heiraten sogar nur noch untereinander, weil sie einen intelligenten Partner wollen, die Armen werden sich selbst überlassen.

Gut also, so Kiesling, dass in unserer realen Welt nicht nur die Leistung, sondern auch die Herkunft über den Werdegang eines Menschen entscheidet.

Doch da macht Kiesling einen sehr großen Denkfehler. Kiesling (und auch Young) gehen nämlich implizit davon aus, dass es eine feste Formel gibt, die Intelligenz, Bildung, Fleiß und Anstrengung eines Menschen mit seiner Leistung verknüpft. Dem ist nicht so.

Nehmen wir zwei Ingenieure, die sich in Intelligenz, Ausbildung, Fleiß und Anstrengung nicht unterscheiden. Der eine arbeitet in einer gut gemanagten Firma, kann seine Produktivität voll entwickeln, und bekommt Bonusse und Aufstiegschancen. Der andere arbeitet in einer Firma, die die Manager in die Insolvenz getrieben haben, und steht vor der Arbeitslosigkeit.

Nun hatten vermutlich beide Ingenieure die gleiche Chance, von der aufstrebenden Firma angestellt zu werden. Aber wer kann schon genau vorhersagen, wie sich eine Firma zukünftig entwickelt? Für den Bewerber bleibt ein Rest – ein großer Rest übrigens – Glück und Zufall.

Nur in der VWL-Theorie werden Glück und Zufall ausgeblendet, indem man vollständig informierte Wirtschaftssubjekte unterstellt. Aber wenn irgendwer vollständige Informationen hätte, würde auch die Planwirtschaft ausgezeichnet funktionieren. (Wobei eine gut funktionierende Planwirtschaft nicht nur vollständige Informationen erfordert, sondern zusätzlich einen gutwilligen, selbstlosen Planer.)

Unvollständige Information besteht übrigens auch auf Seiten der Firma. Denn Intelligenz und Bildung der Bewerber lassen sich nicht genau messen, Fleiß und Anstrengung nicht genau prognostizieren. So wird auch mal ein schwacher Bewerber eingestellt.

Kurz und gut, die bestehenden Unsicherheiten und Unzulänglichkeiten reichen völlig aus, den gefürchteten Gerechtigkeitsterror zu verhindern. Wenn es in einem Buch „VWL für Einsteiger“ heißt

„Das Markteinkommen bemisst sich also nach dem Nutzen der Leistung für andere, die ein Wirtschaftsakteur erbringt.“

dann dürfen wir das wirklich nicht allzu wörtlich nehmen. Ungleichheiten durch die Herkunft brauchen wir auf jeden Fall nicht, um einen Gerechtigkeitsterror zu verhindern.

Geh nicht ohne Gruß, empfiehl bitte den Beitrag weiter!

Foto von Christoph2007 (Ausschnitt): Schwert und Waage, Symbole am Denkmal der Justizia in Manaus

4 Kommentare

  1. Häschen sagt

    Ein Arbeitseinkommen ist nicht Ausdruck einer Bemessung im Sinne einer objektiven Bewertung und ich zweifle, dass es einerseits möglich und andererseits nützlich ist Arbeitsleistung zu bewerten. Notwendig ist es nicht. Das geht in die Richtung – ist der höhere Gewinn der Unternehmen im Rahmen der Bewirtschaftung heut ein Ausdruck des Beitrags zu einer Verbesserung des gesamten Systems (auch Gesellschaft genannt).

    Ich finde die Abtrennung zwischen dem Tun im Betrieb im Rahmen der Güterbereitstellung, sprich von der Idee her sich systemisch einen Kredit aufzunehmen (nicht den Konsumkredit sondern den für das Einkommen), die Kaufkraft gebucht zu bekommen und dafür zu tauschen was man braucht ganz ok. Das ist mal schlauer als zu sagen, ‚Du bekommst genau das was du bereitstellt‘. Das kann man im Kommunismus besser. Gegeben ein ausreichender Rohstoffvorrat bekomme ich dann genau was ich will. Allein zu sagen, ‚Das ist was ich will, weiß man erst wann es soweit ist‘. Aus dem Aspekt ist der Tausch gleich mächtig.

    Man darf nicht übersehen, dass keiner wieviel in einem gerecht organisierten Güterpool drinnen liegt, wir wissen aber wie Güter darin ausschauen. Weißer Trabbi. Das ist gerecht. Dann gibt es zwei Reaktion. Der Kommunist malt sich das Auto an in grellen Farben und lustigen Sonnenblumen drauf und der Kapitalist kauft sich mehr Autos. Aber der Marktwirtschafter denkt anders. Der denkt sich. Dem der jetzt 10 Autos hat bauen wir ein besonders lautes, dann sitzt er in einem lauten Auto kommst sich gut vor dabei – zur Not reden wir ihm das ein. Das Ganze nennen wir Ferrari. Damit bleibt mehr im Güterpool für andere. Sie haben allein dann nicht unbedingt Zugriff drauf. Früher war die Anreicherung des Güterpools klarerweise ein wirklich Zugewinn, ob das heute noch so ist … eine Mondfähre im Garten wäre cool, aber am Mond ist es auch nicht lustig.

    Ein Einkommen ist die Bewertung von Qualitäten und das ist jetzt meine Interpretation. Einkommen löst genau das Problem auf an sich, dass der Preis die Bereitstellung begrenzt. Wenn eine Reinigungskraft weniger verdient, kann sie sich einfach weniger kaufen. Damit ist aus Sicht der Bewirtschaftung nichts gewonnen.

    Wenn einer doppelt soviel verdient ist das kein Benchmark. Der ist nicht doppelt so gut. Die Frage ist dann, ist es gerecht einen höher bewerteten Job so geschissen zu gestalten, dass keiner mehr eine Freude damit hat. Aus Sicht der Gesellschaft der Bewirtschaftung ist es ja ein Erfolg, wenn man einen Job geschaffen hat für jemanden der sich den Keller vollräumen will. Wenn dem nicht anders zu helfen ist. Das Empfinden einen Kauf durchgeführt zu haben fällt eben erst nach der Handlung – es handelt sich um eine Interpretation der Handlung (Wille ist nicht frei – es gibt keine Schuld und keinen Schuldigen). Ungerecht kann empfunden werden, wenn heute noch für Fehler Schuldige gesucht werden.

    Wir haben die Erfahrung dass Gerechtigkeit zu weniger für alle führt. Es ist nicht ungerecht, dass jemand mehr verdient. Es wird dann ungerecht wenn derjene der mehr verdient einen Anspruch ableitet, dass es in Zukunft auch so sein muss und den Anspruch versucht zu verankern. Das suggeriert halt das Einkommen entlang der sozialistischen Distribution schon. Im kleinen sind das die Pensionen die am Arbeitseinkommen bemessen sind (FDP) im Großen die Illusion von Menschen mit wirklich viel Finanzvermögen das nicht investiert ist immer und ewig Rendite zu fordern. Nach dem 10ten lauten Auto in der Garage ist denen nicht mehr zu helfen. Die haben dann den Sinn von Marktwirtschaft nicht verstanden.

  2. Stefan Rapp sagt

    @Häschen, ich denke das Problem ist eben auch, wie schafft man attraktive Werterhaltungssysteme ohne das mit diesen Wertschöpfung unnötig verschwendet wird. Auch wenn die Finanzvermögen immer mehr künstlich aufgeblasen werden ist es natürlich auch einfacher mehr Substanz zu konsumieren. Deswegen frage ich mich ob eine entsprechend hohe Luxussteuer nicht sinnvoll wäre. Wenn man etwas teures kauft genau auch aus dem Grund weil es auch so teuer ist, kommt man mit einer Luxussteuer dem Käufer sogar entgegen.
    Vielleicht wäre auch eine progressive Umsatzsteuer eine Lösung, die meisten denken vermutlich das sich das nicht realisieren lässt, da bin ich aber anderer Meinung.

  3. Voraussetzung einer jeden Ausbeutung ist die Einschränkung der wirtschaftlichen Freiheit, des Rechtes auf Beteiligung am Wettbewerb. Nur wenn der Wettbewerb frei ist, wird gegenseitige Ausbeutung unmöglich. Weil der „Normalbürger“ aber ein notorischer Ausbeuter ist, versucht er ständig, den Wettbewerb einzuschränken. Jeder will eine Monopolstellung erreichen und andere vom Wettbewerb ausschließen. Am gründlichsten gelingt dies, wenn der Wettbewerb ganz abgeschafft und die marktwirtschaftliche Selbstregulation von Nachfrage und Angebot durch „Bedarf“ und „Bedarfsdeckung“ in einer sozialistischen Planwirtschaft ersetzt wird. Eine Clique von Staatskapitalisten, die „Planer, Lenker und Leiter“ spielen, hat dann ein vollständiges Monopol an allen Sachkapitalien (Produktionsmitteln) und kann die arbeitende Bevölkerung grenzenlos ausbeuten:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2013/02/irrtumer-des-marxismus.html

    In einer sozialistischen Planwirtschaft wird der arbeitende Mensch vom Wirtschaftssubjekt zum Wirtschaftsobjekt degradiert und verliert damit jegliche Würde. Spätestens mit dem Untergang der Sowjetunion wurde das eingesehen. Dennoch hat die marxistische Ersatzreligion verheerende Nachwirkungen hinterlassen. Bis heute besteht der Aberglaube, der marxistische Sozialismus könne irgendetwas anderes sein als Staatskapitalismus, und die „unsoziale“ Marktwirtschaft müsse „staatlich kontrolliert und geregelt“ werden, um sie „sozial verträglich“ zu machen. Wäre diese hoffnungslos naive, aber von der Mehrheit noch immer geglaubte Vorstellung von „sozialer Marktwirtschaft“ richtig, müssten wir zugeben, dass das Mosaische Gesetz der Juden vor drei Jahrtausenden schon weiter entwickelt war als die heutige „moderne Sozialgesetzgebung“:

    http://www.vergessene-buecher.de/band1/bd1-s207bis248.html#mos_grundsaetze

    Die alten Israeliten wären niemals auf den völlig absurden Gedanken gekommen, die Marktwirtschaft könne „unsozial“ sein. Denn es ist die Einschränkung des Wettbewerbs, die die gegenseitige Ausbeutung bewirkt; und diese Einschränkung des marktwirtschaftlichen Wettbewerbs ist der Privatkapitalismus, der schon vor über 3200 Jahren als die „Mutter aller Zivilisationsprobleme“ erkannt wurde!

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2014/10/eigennutz-und-gemeinnutz.html

  4. Pingback: Blogoscope August 2015 « LGT Finanzblog

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