Wirtschaftswurm-Blog

Helmut Kohl lag schon 1989 falsch

BRD und DDR 1989

Zum Mauerfalljubiliäum gab es einige Aufregung, um ein Zitat von Helmut Kohl. Diese Debatte um den „Arsch des Propheten“ ermöglicht den Einstieg in eine weiterführende Diskussion, nämlich die über den Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher und politischer Entwicklung.

Helmut Kohls Aussage, um die es geht, beschreibt SPON so:

„Es ist ganz falsch, so zu tun, als wäre da plötzlich der heilige Geist über die Plätze in Leipzig gekommen und hat die Welt verändert“, sagte Kohl. Vielmehr sei die Schwäche Moskaus ursächlich gewesen für den Zusammenbruch der kommunistischen Diktatur in der DDR. „Gorbatschow ging über die Bücher und musste erkennen, dass er am Arsch des Propheten war und das Regime nicht halten konnte“, sagte Kohl.

Ganz nebenbei webt Kohl damit am neuen postdemokratischen Mythos. Der besagt, dass große Umwälzungen heutzutage nicht mehr vom Volk ausgehen, sondern von den Staats- und Regierungschefs auf internationalen Gipfeln beschlossen werden. Lange und mühselige Verhandlungen seien notwendig, bei denen die Akteure bis an die Grenze ihrer körperlichen Belastbarkeit gehen, um Kompromisse auszuhandeln, die alle einigermaßen zufrieden stellen. Nur so könne man heute politischen Fortschritt erreichen.

Na, wenn das mal gut geht.

Um aber wieder zur Umbruchszeit ab 1989 zurückzukommen… Das offensichtliche Gegenbeispiel, das allein ausreicht, um Kohls Behauptung zu widerlegen, wurde meines Wissens nach in der Medien-Diskussion um die Kohl-Aussage noch nicht genannt. Ich meine Kuba. Nach dem Verlust seiner osteuropäischen Absatzmärkte war Kubas Wirtschaft 1993 am Ende. Die Bevölkerung hungerte. Aber es kam nicht zu den Massendemonstrationen wie in der DDR. Und das Regime konnte sich halten.

Offensichtlich gibt es keinen Automatismus, dass eine miserable Wirtschaftslage den Sturz eines Regimes nach sich zieht. Richtig ist aber, dass die schlechte wirtschaftliche Lage die Stimmung 1989 erst richtig aufgeheizt hat. Dabei ist aber keineswegs eindeutig, ob 1989 die DDR-Wirtschaft besonders schlecht dastand oder eigentlich nur genauso schlecht wie immer.

Einhelligkeit besteht darüber, dass es in den ersten Nachkriegsjahren bis 1953 gravierende Unterschiede in der Wirtschaftsentwicklung zwischen Ost und West gab. Während es im Westen schon nach 1946 wieder aufwärts ging, wurde die Entwicklung im Osten durch die Verstaatlichung der Großbetriebe einerseits und die umfangreichen Reparationen an die Sowjetunion andererseits verzögert und behindert. Die Sowjets demontierten 22% der Produktionskapazität von 1944. (Und ein weiterer Teil war schon im Bombenkrieg zerstört worden, wo insbesondere Süddeutschland besser weggekommen ist.) Und während in der Vorkriegszeit das heutige Ostdeutschland etwas reicher war als Westdeutschland, betrug schon 1953 das Nationaleinkommen pro Kopf im Osten weniger als die Hälfte. Der Aufstand vom 17. Juni 1953 und Massenauswanderung waren die Konsequenz.

Von 1953 bis in die erste Hälfte der 70er Jahre hinein waren dann die Wachstumsraten des Einkommens in Ost und West in etwa gleich. Das hieß allerdings auch, dass der Osten seinen eklatanten Rückstand nicht wieder aufholte und dass in absoluten Zahlen gesehen der Einkommensunterschied weiter wuchs. Zudem ging bis zum Mauerbau 1961 auch die Massenauswanderung weiter.

Über die Entwicklung in den 70er und 80er Jahren gibt es unterschiedliche Einschätzungen. Nach den DDR-amtlichen Zahlen lag das Wirtschaftswachstum immer über dem im Westen. Aber sie entsprechen nicht westlichen Standards. Nach manchen Einschätzungen wuchs das Pro-Kopf-BIP in den 70er Jahren noch etwa mit denselben Raten wie im Westen (wobei ja auch dort das Wachstum zurückging), in den 80er Jahren dagegen kaum noch. Das IWH in Halle sieht dagegen vor allem die 70er Jahre als Zeit des Wohlstandsrückgangs in der DDR an. Demnach hätte der Aufstand schon 10 Jahre vorher kommen müssen (wie in Polen!).

Wie auch immer, 1989 war die Geduld der Ostdeutschen am Ende. Selbst Ölfunde hätten damals die DDR nicht mehr retten können. Und wer sich einige Tagesschauen aus der Umbruchszeit noch einmal anschaut, bekommt den Eindruck, dass nicht nur die Politiker im Osten von ihrem eigenen Volk vor sich hergetrieben wurden, sondern dass gleichzeitig die Politiker im Westen verzweifelt den Ereignissen hinterherhechelten. Insbesondere Helmut Kohl.

Erst am 8. November knüpfte Kanzler Kohl neue Unterstützungen für die DDR an die Bedingung, dass es freie Wahlen gibt. Das forderten die Demonstranten in Leipzig und Berlin damals schon seit zwei Monaten. Und Kohls 10-Punkte-Plan zur deutschen Wiedervereinigung entstand erst unter dem Eindruck des Mauerfalls vom 9. November. Der Plan sah eine allmähliche Wiedervereinigung vor, die über die Zwischenstufen Vertragsgemeinschaft und Konföderation laufen sollte. Kohls Plan war schnell unter dem Druck der Ostdeutschen obsolet, die eine schnelle Wiedervereinigung wollten.

6 Kommentare

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  2. Kohl hat ja gar nicht bestritten, daß ein Regime (wie in Kuba) eine schlechte Wirtschaftslage überleben kann.
    Er hat nur gesagt, daß die Sowjetunion (im Gegensatz zu 1953, 1956 und 1968) nicht mehr gewillt war, Truppen zu einer Niederschlagung des Aufstandes zu schicken. Bzw. genauer: Gorbatschow war dazu nicht gewillt, einige Hardliner in der Sowjetunion sahen es ja durchaus anders.

    Gorbatschow hatte aber schon Ende der 70er erkannt, daß die Sowjetunion in dieser Form nicht mehr zu halten war – und zwar aus wirtschaftlichen Gründen.

    Ich finde, Kohl hat mit seiner Analyse vollkommen recht. Mit einem Breschnew wäre 1989 sehr anders ausgegangen.

  3. Das ist richtig, dass ein „Ostblock“ in dem Sinne nicht mehr existierte. Das war zuvor durch Polen augenfällig geworden. Dort wurde 1989 ohne Einmischung Moskaus eine bürgerliche Regierung installiert. Die DDR und als einziger wirklicher Verbündeter die Tschechoslowakei beharrten aber zunächst auf ihren eigenen „sozialistischen“ Weg. Und es gab bis zur Flüchtlingswelle und den Massendemonstrationen keinen Grund, warum das nicht zumindest eine Zeit lang klappen sollte.

  4. Häschen sagt

    Der Prozess des Verfalls der Sowjetunion begann da war ich noch ein kleines Kind mit den Demonstrationen in Danzig und anderen Städten, eigentlich schon zuvor mit den Demonstrationen in der Danziger Werft auf die laufend hingewiesen wurde.

    Wie kommt man auf die Idee, dass der Wohlstandrückgang zu einer Revolution muss führen. Solange keine Verbesserung in Sicht ist gibt es wenig Grund etwas gegen das Regime zu unternehmen. Verbesserung ist relativ.

  5. @Tim: Völlig richtig!

    „Mit einem Breschnew wäre 1989 sehr anders ausgegangen.“

    Korrekt, kurz und treffend. Schöner Satz!

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