Wirtschaftswurm-Blog

Die Raubkopie

übernommen aus Wirtschaftswende vom 8.7.2009

Ich stehe am Kopierer. Buchseite umblättern – auf den grünen Startknopf drücken – Buchseite umblättern … Bei solcher monotonen Tätigkeit kann man schon in Trance geraten. Man achtet nicht mehr auf seine Umwelt. So habe ich auch nicht den drahtigen Schwarzhaarigen bemerkt. Leise schleicht er sich an mir vorbei, greift ins Ausgabefach. Ich will die fertigen Kopien noch festhalten, doch er stößt mich zurück. Er nimmt sie sich und ist weg, verschwunden.

Klarer Fall, denke ich: ein Kopienräuber. So etwas erkennt man selbst in Trance – auch, wenn ich nun nicht mehr in Trance bin, sondern wütend. Einen Kopienräuber erkennt man sofort daran, dass er Kopien raubt. Zugegeben, es ist nicht sicher, ob es Kopienräuber auch außerhalb von durch Kopiertrance hervorgerufene Halluzinationen gibt, aber eines ist sicher: Das, was der Kopienräuber raubt, ist logischerweise eine Raubkopie.

Für viele allerdings offensichtlich nicht. Das Wort Raubkopie fällt inzwischen immer, wenn es um nach dem Urheberrecht illegale (vornehmlich elektronische) Kopien von Texten, Filmen, Musik und Software geht. Dabei ist Raub (§ 249 Strafgesetzbuch) dadurch bestimmt, dass jemand einem anderen eine Sache mittels Gewalt oder Androhung von Gewalt wegnimmt. Im Falle einer illegalen Kopie gibt es aber keine Gewalt, sieht man einmal von der ab, die so manche Computertastatur erdulden muss. Es wird noch nicht einmal jemand anderem etwas weggenommen. Der Besitzer des Originals bleibt im Besitz desselben.

Man sollte also endlich das Wort Raubkopie aus dem Wortschatz streichen. Passender wäre – analog zu Schwarzfahren, Schwarzhandel oder Schwarzarbeit – die Bezeichnung Schwarzkopie. Und derjenige, der schwarzkopiert, ist dann ein Schwarzkopierer.

Im Übrigen entsteht durch das Schwarzkopieren nicht unbedingt eine Einnahmeminderung für den Besitzer des Originals. Dies hängt davon ab, ob der Schwarzkopierer ohne die Kopiermöglichkeit bereit gewesen wäre, den offiziellen Preis einer Kopie zu zahlen. Oft hätte der Schwarzkopierer aber eher auf eine Kopie verzichtet, als den offiziellen Preis zu zahlen.

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