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Eucken und Pinochet

Zeit, über den Liberalismus wirklich neu nachzudenken

Schon vor der Bundestagswahl erschien bei Wiesaussieht ein anregender Artikel von Patrick Schreiner „Zeit, über den Liberalismus neu nachzudenken“. Er schließt mit dem Fazit: „Eine gewisse Tendenz zum Autoritären, zum Brutalen und zur Gewalt ist im Liberalismus ideologisch angelegt.“ Dabei vergisst Patrick Schreiner aber ganz den Ordoliberalen Walter Eucken, der seine Ideen gerade als Alternative zum brutalen Nationalsozialismus entwickelte.

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Eine kleine, persönliche ökonomische Ideengeschichte

Da hat man mich also dann als “ordoliberal” bezeichnet. Und wenn man mir unbedingt eine Marke verpassen will, dann finde ich die des Ordoliberalen auch noch am passendsten.

Auf den Seiten der FAZ findet man eine recht gute kleine Ideengeschichte der Liberalen und darin ein Zitat des Ordoliberalen Alexander Rüstow von 1932: „Der neue Liberalismus jedenfalls, der heute vertretbar ist und den ich mit meinen Freunden vertrete, fordert einen starken Staat, einen Staat oberhalb der Wirtschaft, oberhalb der Interessenten, da, wo er hingehört.“ Das kann ich unterschreiben.

Ordoliberale fordern dabei eine strikte Trennung von Staat und Wirtschaft. Der Staat setzt unabhängig die Rahmenbedingungen, die Wirtschaft (bestehend aus Konsumenten und Produzenten) entscheidet innerhalb dieser Rahmenbedingungen selbständig über Produktion und Verteilung. Diese klare Kompetenzverteilung ermöglicht klare Haftungsregeln.  Wer als Politiker Mist baut, wird dann abgewählt, wer als Unternehmer Mist baut, geht dann insolvent.

Ordoliberale sind heute auf der Seite der “99 Prozent”, wenn Banken mit Staatsknete unterstützt werden oder wenn Lobbyisten Finanzmarktderegulierung betreiben.

Und während die späteren Neoliberalen sich überhaupt nicht mehr für Verteilungsfragen interessiert haben, war das bei den Ordoliberalen noch Thema. Für soziale Gerechtigkeit zu sorgen, fiel in den Kompetenzbereich des Staates. Die Wirtschaft auf sich gestellt sei dazu nicht in der Lage.

Während meines Volkswirtschaftstudiums (Diplom 1996) hatte ich es sowohl mit ordoliberalen Professoren wie auch mit neoliberalen Neoklassikern zu tun. Genervt haben mich beide, aber die Neoklassiker dann doch ein bisschen mehr. Mir wurde klar, wie manipulierbare ihre mathematischen Modelle waren, wie man am Ende mit ihnen jedes gewünschte Ergebnis bekommen konnte, abhängig davon, welche Annahmen man traf. Am Ende schrieb ich meine Diplomarbeit bei dem Außenseiter in der Fakultät, der auf empirische Wirtschaftsforschung setzte.

In meinem Studium kam die neue Institutionenökonomik eher am Rande vor, in den Jahren danach fand ich sie am spannendsten. Sie verband die Fragestellung der Ordoliberalen nach den besten Rahmenbedingungen und Regeln mit den mathematischen Modellen der Neoklassiker. Durch ein paar zusätzliche Annahmen wie die der Transaktionskosten machte sie diese Modelle ein ganzes Stück realistischer.

Aber nicht realistisch genug. Viele Empfehlungen der neuen Institutionenökonomik darf man skeptisch sehen. Ein Beispiel sind die Bonussysteme für Manager, die ihnen langfristiges Denken abtrainiert haben. Neuer Hoffnungsträger ist jetzt für mich die Verhaltensökonomik. Sie baut auf einem realistischen Bild von der Psychologie des Menschen, das durch Verhaltensexperimente gestützt wird, auf.

Ordoliberales Denken floss in die neueren Strömungen mit ein, wurde aber selbst nicht mehr weiterentwickelt. Meiner Ansicht nach sind die Ordoliberalen bis heute eine Antwort auf die “Neue politische Ökonomik” schuldig geblieben. Die zeigte die Verzerrungen auf, denen demokratische Systeme unter dem Einfluss starker Einzelinteressen unterliegen. Wie kann man da die gewünschte Unabhängigkeit des Staates erreichen?

Die Ordoliberalen sind auch die Antwort schuldig geblieben, wie man den starken, Regel setzenden Staat in Zeiten der Globalisierung aufrecht erhalten kann. Die Machtverhältnisse haben sich ja grundlegend gewandelt, internationale Konzerne sind mächtiger als Staaten geworden.