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Über Nachhaltigkeitslügen und -plagiate

Sebastian Nerz, Bundesvorsitzender der Piratenpartei, und André Reichel, Grünen-Mitglied, bemühen auf FAZ.net das Thema Nachhaltigkeit. Doch spannend ist hier nicht die Theorie, sondern die Umsetzung.

Sebastian Nerz, Bundesvorsitzender der Piratenpartei

Sebastian Nerz, Bundesvorsitzender der Piratenpartei, Foto: Tobias M. Eckrich

Nerz beklagt: “Politisch ist der Begriff … ein Füllwort, eine hohle Phrase zur alleinigen Begründung eines Gesetzes, einer Maßnahme oder um die Verschwendungssucht eines anderen Vorschlages anzuprangern.” Die Piratenpartei, so soll der Leser schlussfolgern, will es besser machen.

Reichel versucht gerade hier anzugreifen. Er wirft Nerz vor, seine Vorstellung von Nachhaltigkeit nur aus Sekundärquellen zu schöpfen, nicht tief genug in die Geschichte des Nachhaltigkeitsbegriffs eingestiegen zu sein. Das ist nun allerding ein merkwürdiger Vorwurf an einen Politiker, der praktisch gestalten und nicht in seiner Studierstube verbleiben soll.

“Von einem Politiker und Parteichef verlange ich als Bürger dieses Landes, dass er klare Vorstellungen davon hat, woher seine Überzeugungen kommen und worauf seine politischen Schlussfolgerungen basieren.” Da hat Reichel zunächst recht. Aber wir haben eine Kanzlerin, deren wirtschaftspolitische Überzeugungen sich (angeblich) von den Prinzipien der schwäbischen Hausfrau ableiten lassen. Da müssen die Leute, die Sebastian Nerz zitiert, also Meinhard Miegel oder Karl Otto, den intellektuellen Wettkampf nicht scheuen.

Die entscheidende Frage ist, ob Nerz seinen eigenen Anspruch erfüllt, konkrete Wege zu einer nachhaltigen Entwicklung aufzuzeigen. Damit tut er sich allerdings schwer.

Nerz nennt einige Technologien, die auf dem ersten Blick nachhaltig erscheinen, es aber auf dem zweiten nicht sind. Elektroautos brauchen Lithium für ihre Akkus, ein Leichtmetall, das um 2050 knapp werden könnte. Ähnlich sieht es mit Neodym aus, das man für Windräder braucht, oder Gallium, das in Solarzellen steckt. Die Schlussfolgerung des Oberpiraten: Man kommt um materielle Einbußen, um Verzicht, nicht drumrum.

Jetzt aber, wo es spannend wird, wo man sich fragt: “Wo muss ich sparen?”, da hört der Oberpirat auf. Da reicht ihm ein lapidarer Verweis auf Miegel: “Wie glücklich und zufrieden Menschen mit ihrem Leben sind, hat ab einem bestimmten Level nichts mehr mit dem materiellen Wohlstand zu tun.” Das hätte ich allerdings schon gerne genauer aufgezeigt!

Gerade hier vermag André Reichel zu punkten. Car-Sharing sei ein Beispiel, wie man ein Bedürfnis mit weniger materiellen Aufwand befriedigen könne.

Wir brauchen allerdings Hunderte solcher Beispiele.