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Gibt es eine Zukunft mit Karl Marx?

In Kapitel 7 und 8 seines Buches „Wo Marx Recht hat“ (Partnerlink) geht Fritz Reheis Fragen über Fortschritt, Revolution und über ein Wirtschaftssystem „jenseits des Kapitalismus“ nach. Wie in den anderen Teilen seines Buches gelingt es ihm auch hier nicht, von Karl Marx’ Aktualität zu überzeugen.

Fritz Reheis, "Wo Marx Recht hat"

Fritz Reheis, "Wo Marx Recht hat", 2011 (Partnerlink)

Fritz Reheis stellt sicher völlig zurecht fest, dass durch das Scheitern von Marxisten in Russland und anderswo noch nicht die Thesen von Karl Marx selbst widerlegt wurden. Vielleicht war einfach noch nicht die Zeit reif für den Aufbau eines Sozialismus?

Aber wann ist die Zeit reif? Folgt man Marx müssen die Produktivkräfte (also der Stand der angewandten Technik) sich so weit entwickelt haben, dass die Produktionsverhältnisse (also das kapitalistische Wirtschaftssystem) demgegenüber als anachronistischer Bremsklotz erscheint. Der Kapitalismus werde dann an seinen inneren Widersprüchen scheitern.

Interessant ist nun Reheis These, dass mit der Solarwirtschaft einerseits und der digitalen Technologie andererseits inzwischen zumindest zwei technologische Voraussetzungen für eine Überwindung des Kapitalismus vorliegen. Um im folgenden bei der digitalen Technologie zu bleiben: Tatsächlich scheint die leichte Kopierbarkeit digitaler Inhalten über durch Netze verbundene Computer an ein paar Grundfesten unseres Wirtschaftssystems zu rütteln. Digitale Produkte als Privateigentum zu verkaufen erfordert einen großen technischen und institutionellen Aufwand (Kopierschutz, Urheberrechte sowie ein Apparat zu ihrer Durchsetzung). Da erscheint es vielleicht gesamtgesellschaftlich günstiger, die Produzenten digitaler Werke pauschal zu vergüten und ihre Produkte dafür frei allen zugänglich zu machen.

Karl Marx hilft allerdings bei der Debatte um Urheberrechte nicht. Denn das Privateigentum an den Produktionsmitteln ist nicht das Problem der digitalen Technologie. Fast jeder besitzt entsprechende Produktionsmittel bereits in Form eines internetfähigen Computers.

Um aufs ganz Große zurückzukommen: Marx’ oben skizzierte Theorie, dass der Kapitalismus an seinen eigenen Widersprüchen zugrunde gehen werde, verkennt, dass sich das kapitalistische Wirtschaftssystem als sehr wandelbar erwiesen hat. Der heutige Kapitalismus ist bereits ein grundlegend anderer als der zu Karl Marx’ Zeiten.

Im 19. Jahrhundert war die Wirtschaft geprägt von Unternehmereigentümern. Mit der Wende zum 20. Jahrhundert gewannen dann Kapitalgesellschaften immer mehr an Bedeutung. Die Deutsche Bank AG hat z. B. heute über 600.000 Eigentümer. „Privat“ im eigentlichen Sinne des Wortes kann da der Besitz nicht mehr sein. So kann man sich fragen, ob unser Wirtschaftssystem überhaupt noch kapitalistisch im eigentlichen Sinne des Wortes ist. Kapitalismus bedeutet ja Privateigentum an den Produktionsmitteln, also insbesondere an den Betrieben.

Ziemlich offen bleibt bei Marx auch die Frage, wie die Gesellschaft „jenseits des Kapitalismus“ genau ausschauen soll. Aber auch 150 Jahre später kann Fritz Reheis hier nicht mehr als ein Sammelsurium an Ideen bieten, die allesamt bereits ziemlich verstaubt wirken, angefangen vom umlaufgesicherten Geld über das Genossenschaftswesen bis hin zu einer Planwirtschaft mit „Arbeitnehmerkontrolle“.